Albstadt / Gudrun Stoll  Uhr
Regierungspräsident Klaus Tappeser schaut sich ausgewählte Projekte an. Die erste Station war Albstadt.

Klaus Tappeser kann's mit den Leuten. In der Ebinger Fußgängerzone schüttelt er dem Müllmann die Hand, der auffällt im Stadtbild mit seiner Tonne, an der quietschbunte Plastikfiguren haften.

Einige Schritte weiter gibt's einen heiteren Plausch mit engagierten Bürgern, die den Marktbrunnen für das Osterfest schmücken.

Diese zufälligen Begegnungen am Rande passten ins Bild, denn was sich tut in den Städten im Regierungsbezirk, wie die Fördermittel eingesetzt und umgesetzt werden, schaut sich der Regierungspräsident anhand ausgewählter Projekte an. In Mössingen, Wangen, Ulm, Riedlingen und Salem. Albstadt war am Montagvormittag erste Station.

Vor dem Fußmarsch durch die Innenstädte von Ebingen und Tailfingen gab's im Albstädter Rathaus eine kurze Aufwärmrunde. Diese nutzte Lautlingens Ortsvorsteherin Juliane Gärtner, um nach dem Planungsstand der Ortsumfahrung zu fragen.

„Ende des Jahres werde das RP den Antrag auf Eröffnung des Planfeststellungsverfahrens stellen“, informierte Klaus Tappeser.

Doch gekommen war der 61-jährige Behördenchef, um sich zwei Albstädter Sanierungsgebiete anzuschauen, schließlich ist die Städtebauförderung das zentrale Infrastrukturprogramm, um Städten bei der Beseitigung von Missständen und Entwicklungsdefiziten zu helfen.

Was er sich wünscht, brachte Tappeser kurz und prägnant auf den Punkt: Innenstädte mit starkem Einzelhandel, belebte Fußgängerzonen, Wohnviertel ohne Leerstand. Sein Rat: Städte sollten sich auf ihre Eigenheiten besinnen.

Oder anders gesagt: „McDonalds ist überall gleich, aber die Marktplätze sind es nicht“. Kreisverkehre teilen die Gemeinsamkeit, rund zu sein. Für Tappeser besteht die Einzigartigkeit Albstadts auch aus der Fülle an Kreiseln.

Gemeinsam mit Albstadts Rathausspitze, Ortsvorstehern und einigen Gemeinderäten begutachtete der Regierungspräsident das im Prinzip abgeschlossene Ebinger Sanierungsgebiet „Westliche Innenstadt“ rund um Rathaus, Markt- und Kirchstraße.

Für diese bereits 2005 ins Programm „Soziale Stadt“ aufgenommene Maßnahme wurden bis heute 3,4 Millionen Euro an Finanzhilfen bewilligt.

Verwaltung will Bahnhofsumfeld verbessern Seit 1975 gab es in Albstadt 20 Sanierungsgebiete und Bürgermeister Udo Hollauer kündigte an, dass sich die Stadt um die Aufnahme in ein weiteres Programm bewerben wird, um das Umfeld des Ebinger Bahnhofes zu verbessern.

„Wo sind die Graffitis“, fragte Klaus Tappeser erstaunt, als die Gruppe durch die Unterführung zum Bahnhof marschierte. Wer in Tübingen arbeitet, ist an illegale Kunst im öffentlichen Raum gewöhnt.

In Ebingen werde regelmäßig geweißelt, entgegnete OB Klaus Konzelmann. Ihm wie auch dem Baubürgermeister ist der erste Eindruck wichtig, den Bahnreisende von der Stadt bekommen.

Mit dem Status quo im und um das Gebäude sind beide unzufrieden. Für 2020 versucht die Stadt, Aufnahme in ein passgenaues Förderprogramm zu finden.

Die Maßnahme, sagte Bürgermeister Hollauer am Rande, würde eng abgestimmt mit den Planungen für den Ausbau der Regionalstadtbahn, die nicht vor 2026 beginnen.

Tappeser warf einen Blick auf Bahnhof, Busbahnhof und Parkhaus – und gebar eine Idee: Albstadt solle sich an einem Modellversuch für autonomes Fahren beteiligen, schlug er die Brücke nach Friedrichshafen.

Dort sind auf einer Teststrecke elektrisch betriebene Kleinbusse, Prototypen und Autos ohne Fahrer unterwegs, um Erfahrungsdaten zu sammeln.

Auf Albstadt habe das Umland früher als Metropole geschaut, rief er die goldenen Zeiten der Trikotindustrie in Erinnerung. Dann folgte der Zusammenbruch. Doch er habe das Gefühl, „es geht wieder aufwärts“, resümierte Tappeser nach dem Besuch in Tailfingen.

Selbst die mitgereisten Mitarbeiter aus dem RP waren überrascht über das moderne Gesicht der Innenstadt. Noch bis 2023 läuft das Bund-Länder-Programm „Stadtumbau West“. Die Stadt hat seit 2014 insgesamt 2,4 Millionen Euro an Finanzhilfen erhalten.

Der Umbau geht weiter mit einem Wohnprojekt für Senioren, dem Abbruch des AC-Kaufparks, der (Park-)Raumgestaltung rund um Lutherschule und Thalia.

Sofern Investoren und Eigentümer mitziehen, böte noch so manche Tailfinger Ecke Perspektiven für attraktives Wohnen im Herzen der Stadt.

Ein Euro kann den zündenden Funken auslösen

Städtebau: „Ein Euro Förderung löst acht Euro Folgeinvestitionen aus“, informiert Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut in einer aktuellen Pressemitteilung. Die Städtebauförderung trage dazu bei, die Aufenthaltsqualität in Ortskernen zu verbessern, Quartiere lebenswert zu gestalten und Wohnraum zu erhalten. Ein gelungenes Beispiel sei die Neugestaltung der Ebinger Innenstadt.

Im Jahr 2019 hat das Ministerium im Land rund 257,4 Millionen Euro für städtebauliche Erneuerungsmaßnahmen bewilligt. Davon kommen rund 100,8 Millionen Euro vom Bund. Auf den Regierungsbezirk Tübingen entfallen 43,9 Millionen Euro.