Balingen/Rangendingen Noch einmal etwas anderes machen

Susanne Kieckbusch geht als Lehrerin in den Irak.
Susanne Kieckbusch geht als Lehrerin in den Irak. © Foto:  
Balingen/Rangendingen / LYDIA WANIA 21.07.2015
Wer Irak hört, der denkt an Terror, Attentate und IS. Genau in dieses unglückliche, schwer erschütterte Land möchte die Rangendinger Lehrerin Susanne Kieckbusch. Sie wird in Erbil unterrichten.

Obwohl Erbil nicht unmittelbar von den Kämpfen in den westlichen und südlichen Nachbarprovinzen betroffen ist, gilt die Sicherheitslage aufgrund der Nähe zum IS-kontrollierten Gebiet als angespannt. Im November 2014 und im April diesen Jahres gab es in Erbil Attentate.

Trotzdem möchte Susanne Kieckbusch, Lehrerin und Grünen-Bundestagsabgeordnete a. D., in diese Stadt. "Ich will noch mal was anderes machen", sagt die 54-Jährige. Schon länger haben sie und ihr Mann überlegt, was es sein könnte. Ihr Leben habe sich immer in Episoden abgespielt, ähnlich dem anthroposophischen Jahrsiebt. Erst Studium, dann Gitarrenlehrerin, anschließend Politikerin und nun Lehrerin im Ausland. Die möglichen Schulstandorte Lissabon und Paris kamen für sie nicht mehr in Frage, als sie das Stellenangebot in Erbil las. Sie war begeistert und bewarb sich mit Erfolg.

"Meine Schüler haben die Entscheidung mit beeinflusst", sagt Kieckbusch, die sehr gerne an ihrer jetzigen Schule in Rangendingen unterrichtet. In ihrem Berufsleben habe sie teilweise mehr türkisch- und kurdischstämmige Kinder als Schwaben in der Klasse gehabt. "Diese Zweisprachigkeit und kulturelle Vielfalt wird in den Schulen nicht aufgenommen", beklagt sie sich.

Die Lehrerin beschloss türkisch zu lernen, reiste ein bis zweimal pro Jahr in das muslimisch geprägte Land und beschäftigte sich intensiv mit den Themen Migration und Remigration. Die fremde Kultur ließ sie nicht mehr los. Kurdisch kann Susanne Kieckbusch nicht. Noch nicht. Voller Elan paukt sie, seit ihr Ziel feststeht, Vokabeln und Grammatik.

An der deutschen Schule wird sie jedoch auch ohne fließendes Kurdisch zurechtkommen. "Auch der Hausmeister kann deutsch, er kümmert sich um mich", sagt Kieckbusch.

Die Klassen bestehen aus zehn bis 15 handverlesenen Schülern. Auch das Lehrerkollegium sei sehr engagiert, da jeder der da ist, die Aufgabe auch wirklich machen will, erklärt Kieckbusch. Zunächst ist ihr Lehrauftrag auf zwei Jahre befristet. Im Herbst will ihr Mann, der sich in Balingen weiter um das Haus und die Katze kümmert, sie im Irak besuchen. Weihnachten soll in der Fremde gefeiert werden, wo sie dann Musik, Deutsch und Kunst unterrichtet. "Die Schule gibt es seit sechs Jahren", weiß Kieckbusch. Sie befinde sich im Aufbau. In der Unterrichtsgestaltung hat sie viel Freiheit. Doch auch Improvisation ist gefragt: Es gibt wenig Materialien und keine Musikinstrumente. Infrastruktur fehlt auch in der Stadt. Angst? Das hat sie nicht. "Ich habe da Gottvertrauen", sagt die Lehrerin. Außerdem erwartet sie vom deutschen Staat, dass er seine Angestellten herausholt, falls sich die Lage verschlechtert. Im Moment gilt Erbil als relativ sicher.

Älteste Siedlung der Welt

Weltkulturerbe Erbil ist Hauptstadt und zugleich Regierungssitz der autonomen Region Kurdistan im Irak. Zudem ist Erbil die Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements und Wirtschafts- sowie Handelszentrum Kurdistans. Die Zitadelle von Erbil gilt als die älteste kontinuierlich bewohnte Siedlung der Welt. Im Juni 2014 wurde ihr von der UNESCO der Status eines Weltkulturerbes verliehen.

SWP

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