Wenn Nour Al Fawaz vor fünf Jahren jemand gesagt hätte, dass er heute im Neubau an der Gartenstraße in der Informatik-Fakultät arbeiten würde – er hätte es sicherlich nicht geglaubt. Der 33-jährige Syrer arbeitet seit April 2018 in Vollzeit an der Hochschule Albstadt-Sigmaringen und spricht fließend Deutsch.

Doch zuvor hat er beklemmende Jahre der Bedrohung erlebt. Nour Al Fawaz musste mit ansehen, wie weite Teile seiner Heimatstadt Damaskus in Schutt und Asche gelegt wurden. Der studierte Controller verlor im Krieg Freunde und Verwandte, Waffen und Gewalt waren allgegenwärtig. „Ich konnte so nicht mehr weiterleben“, sagt er. Also fasste er Anfang 2015 den Entschluss, Syrien den Rücken zu kehren; er flog nach Libyen. Das Problem: Seine Frau hielt sich zu diesem Zeitpunkt in Saudi-Arabien auf. „Ich habe versucht, sie zu mir zu holen“, berichtet er. Doch es vergingen anderthalb Jahre, bis das gelang.

Nun waren sie zwar zusammen, doch das Leben in Libyen war wieder geprägt von Waffen, Gewalt, Chaos. Nour Al Fawaz kaufte ein kleines Boot. An Bord er, seine Frau und deren Onkel. Außerdem Trinkwasser, ein paar Snacks, Kaugummi. Und insgesamt 1500 Euro. Frühmorgens ging es in Tripolis los, „ich dachte, dass wir es in 13 bis 15 Stunden bis Lampedusa in Italien schaffen können“. Doch unterwegs sagte der Wetterbericht Unheil voraus, Nour Al Fawaz verständigte mit seinem Satellitenhandy die italienische Küstenwache. Sie griff die drei Menschen auf, die sich jetzt auf einem Schiff mit rund 1000 afrikanischen Flüchtlingen an Bord wiederfanden.

Doch die Familie wollte nach Deutschland. Für die Reise über die Schweiz setzte Nour Al Fawaz alles auf eine Karte: „Ich habe Erste-Klasse-Tickets gekauft, meinen besten Anzug angezogen und im Zug mein Tablet und die Fahrkarten auf den Tisch gelegt.“ Es klappte: Die Reisenden kamen bis Zürich und nahmen von dort aus ein Taxi nach Horb. Mit seiner Frau lebte Nour Al Fawaz anschließend sechs Monate lang in der Lea in Meßstetten.

Nach sechs weiteren Monaten in der Gemeinschaftsunterkunft in Ebingen bezog das Paar seine eigene Wohnung. Nour Al Fawaz‘ Freund Karlo Gerstenecker war es schließlich, der an der Fakultät Informatik den Laborbetriebsleiter Knut Kliem kennt und nach einer Stelle für den jungen Syrer fragte. Aus einem Praktikum wurde so eine Teilzeit-, schließlich eine Vollzeitstelle als Systemadministrator.

„Innerhalb kürzester Zeit lernte Nour Al Fawaz Deutsch und integrierte sich in die Arbeitsprozesse“, sagt Knut Kliem. „Mit seinem Studium und seinen praktischen Fähigkeiten ist er hier ein gefragter Mitarbeiter.“ Das kann Holger Morgenstern, Dekan der Fakultät Informatik, nur bestätigen. „Nour Al Fawaz ist eine echte Bereicherung für unsere Fakultät“, sagt er. Von seiner Frau, die selbst viel mit syrischen Flüchtlingen arbeitet, weiß Holger Morgenstern, „dass es gar nicht so leicht ist, nach einer Flucht alle erforderlichen Genehmigungen, Zeugnisse, Beglaubigungen und Papiere zu bekommen“. Doch Nour Al Fawaz habe es geschafft – „ein schönes Beispiel für eine gelungene Integration“.

Das findet auch Hochschulrektorin Ingeborg Mühldorfer. „Es ist gut, wenn wir als Hochschule unseren Teil dazu beitragen können, geflüchteten Menschen bei uns eine neue Perspektive und damit Hoffnung zu geben“, sagt sie. Eine Rückkehr nach Syrien ist für Nour Al Fawaz und seine Frau derzeit ausgeschlossen. „Wir wollen einfach nur in Ruhe leben, und wir lieben Albstadt“, sagt er. Ihm sei es außerdem überhaupt nicht schwergefallen, die deutsche Kultur zu verstehen und sich zu integrieren.