Dekan Beatus Widmann begrüßte „die bekannteste und beliebteste Theologin des deutschen Protestantismus“ in der Stadtkirche Balingen, die an diesem Mittwochabend mit 500 Besuchern voll besetzt war.

Artur Egle-Theurer, der Leiter des Bildungswerks Balingen-Sulz, zählte hernach einige Ämter auf, welche die Hannoveranerin im Laufe ihrer Karriere innehatte. „In diesen Ämtern war sie immer die erste Frau“, bemerkte er anerkennend.

Die zierliche Frau strahlte eine enorme Aura aus und hatte die volle Aufmerksamkeit des Publikums, als sie ans Stehpult trat. Mit norddeutscher Sachlichkeit und viel Selbstironie blickte sie auf das Alter. Sie selbst war im vergangenen Jahr 60 Jahre alt geworden und vier Wochen später in Ruhestand gegangen.

Weil sie bei ihrem 40. Geburtstag keine Zeit und beim 50. keine Lust zum Feiern hatte, gab es beim 60. eine große Geburtstagsfeier auf Usedom: „Einmal im Leben alle versammelt haben, die mir wichtig sind.“ Gemäß eines jüdischen Trinkspruches stieß man „auf das Leben“ an.

Das Leben im Alter beleuchtete die ehemalige Landesbischöfin von Hannover und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands mit viel Humor. Und doch merkte man, dass sie mit aufmerksamem Blick und sehr feinsinnig die Facetten des Älterwerdens beleuchtet.

Völlig realistisch stellte sie fest: „60 ist nicht das neue 40“, sondern die letzte Etappe, denn die Kräfte lassen nach. Zugleich ermutigte sie voller Zuversicht: „Alt sein und glücklich sein schließen sich nicht aus.“ Man solle sich auch nicht völlig aus dem Leben zurückziehen, lautete ein weiterer Rat.

„Man kann nicht die ganze Welt ändern, aber Christen sind aufgefordert, kleine Schritte zu gehen und sich in die Gesellschaft einzubringen“. Dieses Gottvertrauen und die christliche Sicht auf die Welt machten Mut.

„Gott hat mir einen wachen Geist gegeben“, zeigte sich Margot Käßmann dankbar. Allerdings zeige der Körper ganz natürliche Alterserscheinungen. Wann sie dies zum ersten Mal festgestellt habe? Als sie mit einem ihrer sechs Enkel ein Telefonat über „Facetime“ führte, bei dem man ja nicht nur sein Gegenüber, sondern auch sich selbst sieht und hört.

„Falten, Doppelkinn und Hängebacken sowie eine alte Stimme“, zeichnete die sympathische Theologin ein krasses Bild von sich selbst, welches das Publikum keineswegs bestätigen konnte. Nein, am Mittwoch machte die Mutter von vier Töchtern eine ausgesprochen gute Figur. Vielleicht auch deshalb, weil sie eben zu ihrem Alter steht.

Mit amüsanten Anekdoten aus ihrem Leben, mit Szenen, die man förmlich vor Augen hatte, und mit gut gesetzten Pointen hatte sie immer wieder auch die Lacher auf ihrer Seite. „Waren Sie schon einmal auf einer Ü 60-Party? Die gibt es nicht.“ Die Gelassenheit, mit der Käßmann das Alter angeht, ist beeindruckend. Schließlich trifft es jeden. So wie auch das Sterben.

Darüber solle man viel mehr sprechen, ermunterte sie. Es ist ja doch unausweichlich. Es gebe ältere Menschen, die keinen Frieden finden und sich fragen, ob sie alles falsch gemacht haben. „Sie können hadern oder mit der Situation leben“, stellte Käßmann fest und erinnerte an die biblische Geschichte von Josef, der sich trotz des Verrats seiner Brüder dankbar zeigte: „Gott gedachte mein Leben gut zu machen.“

„Muss ich erst gebrechlich sein, um in den Ruhestand zu gehen?“, äußerte die Autorin in Bezug auf entsprechende Fragen nach dem frühen Ende des Arbeitslebens. Margot Käßmann genießt die Freiheiten ohne Termindruck, die freie Zeit für sich und die Familie.

Sehr wohl aber in dem Bewusstsein, dass sie ein privilegiertes Leben führt, dass eben nicht jeder relativ früh seine Erwerbstätigkeit beenden kann – und manch anderer es auch gar nicht will.

Aus Angst nicht mehr wichtig zu sein, gibt mancher Firmenpatriarch die Führung nicht in jüngere Hände ab und verhindert so auch Innovationen. Am Beispiel der Queen bemerkte Käßmann: „Charles ist eine tragische Figur.“

„Sie haben Ihr Leben transparent gemacht und ermutigen andere Menschen, von Gott so zu reden, dass er das Herz der Menschen bewegt“, bedankte sich am Ende Pfarrerin Birgit Wurster, bevor Trompeter Matti Münch und Bezirkskantor Wolfgang Ehni erneut ein Musikstück anstimmten und Margot Käßmann Bücher signierte – nicht nur für Menschen in den besten Jahren.