16 Zeugen wurden am Montag vor dem Hechinger Landgericht im Prozess gegen einen 61-jährigen Balinger, der eine ellenlange Anklageliste vorzuweisen hat, gehört. 14 davon waren aktuelle oder ehemalige Balinger Polizeibeamte.

Jeder der Polizisten, die am zweiten Prozesstag als Zeugen geladen waren, war in der Vergangenheit mehrfach wegen des Angeklagten zu einem Einsatz gerufen worden. „Keiner am Balinger Revier kann sagen, dass er nicht häufig mit ihm zu tun hat“, erklärte einer der Beamten.

43 Anklagepunkte: von Beleidigung bis Körperverletzung

Die Anklageschrift gegen den 61-Jährigen umfasst 43 Punkte, wovon sich noch jeder auf mehrere Straftaten und Ordnungswidrigkeiten auffächert.

Darunter Beleidigung, Bedrohung, Widerstand gegen Polizeibeamte, Körperverletzung, Hausfriedensbruch, Verstöße gegen das Persönlichkeitsrecht, Urkundenfälschung, Unfallflucht, (nächtliche) Ruhestörung sowie Fahren ohne Fahrerlaubnis, unter Alkoholeinfluss und ohne Versicherungsschutz.

Die Beleidigungen – meist traf es Polizisten, aber auch Passanten blieben nicht verschont – räumte der Angeklagte vollumfänglich ein. Sein Wortschatz stamme aus früheren Knast- und Rockerzeiten; Schimpfworte würden ihm schneller und häufiger herausrutschen.

Angeklagter sieht sich als Opfer von Polizeigewalt

Was die Körperverletzungsdelikte betrifft, die meist aus dem massiven Widerstand bei Festnahmen resultierten, erklärte der Angeklagte, dass er sich angegriffen fühlte und sich lediglich zur Wehr gesetzt habe. Den Beamten warf er Amtsmissbrauch und Polizeigewalt vor.

Die Zeugen – darunter auch ein AOK-Mitarbeiter, der am Telefon beleidigt und bedroht wurde, sowie ein Besucher des Geislinger Motorradtreffens, den der Angeklagte angegriffen haben soll – zeichneten ein ausführliches Bild vom Wesenszustand des Angeklagten.

Man habe bei einem Einsatz nie vorhersagen können, was einem bei dem Angeklagten erwarte. Manchmal sei er zugänglich gewesen, oft aber höchst aggressiv. Er sei unberechenbar und in der Stimmung sehr wechselhaft.

Ein seltenes Zeichen von Einsicht

Ein Polizeibeamter berichtete von einer Verkehrskontrolle, bei der der Angeklagte auf einem Roller ohne gültige Haftpflichtversicherung unterwegs war und seinen Fehler auch gleich einsah: „Das Auffällige war, dass er nicht auffällig war“, erklärte er. Ansonsten hagelte es meist wüsteste Beschimpfungen, Bedrohungen oder in dem ein oder anderen Fall auch Schläge und Tritte.

Für die Beleidigungen entschuldigte er sich bei den Beamten. Diese Entschuldigung nahmen die ersten beiden Polizisten nicht an: „Sie haben sich mehrmals unter aller Sau aufgeführt und ich habe auch nicht den Eindruck, dass Sie diese Verhandlung hier ernst nehmen“, sagte einer von beiden. Danach fragte der Angeklagte nicht mehr nach, ob seine Entschuldigung angenommen wird.

Ein Beamter berichtete: „Die Einsätze kamen wellenförmig.“ Es hätte Phasen gegeben, da war es ruhig um den Angeklagten. „Dann waren wir wieder beinahe täglich bei ihm.“ Zuletzt wären die Abstände zwischen den auffälligen Phasen kürzer geworden.

Eine der Polizistinnen erklärte sich die Häufung durch den Tod der Mutter des Angeklagten: „Danach ging es so richtig los.“

Fortsetzung am 12. März

Am 12. März (9 Uhr) wird der Prozess fortgesetzt. Dann werden weitere Polizisten und auch Zivilisten gehört, die Aufschluss über den Geisteszustand des Angeklagten geben sollen. Danach wird ein psychologischer Sachverständiger sein Gutachten vorstellen, um die Schuldfähigkeit des Angeklagten, der von sich selbst in dritter Person als „der Angeklagte“ spricht, zu beurteilen.

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