Balingen Idee reift über Nacht zum Bild

Kam durch Zufall nach Balingen und zur Malerei: Der 46-jährige, gebürtige Hechinger Martin Capo begeistert mit seinen Werken die Fangemeinde in den sozialen Netzwerken. Seine Bilder berühren. Wohl auch, weil der Autodidakt nichts anderes als seine Seele durch die Ölfarben sprechen lässt.
Kam durch Zufall nach Balingen und zur Malerei: Der 46-jährige, gebürtige Hechinger Martin Capo begeistert mit seinen Werken die Fangemeinde in den sozialen Netzwerken. Seine Bilder berühren. Wohl auch, weil der Autodidakt nichts anderes als seine Seele durch die Ölfarben sprechen lässt. © Foto: Silke Thiercy
Balingen / Von Silke Thiercy 30.07.2018

Vierzig Jahre lang habe ich mich nicht gekannt und nur für andere gelebt“, sagt Martin Capo. Der Wahl-Balinger tritt einen Schritt zurück, betrachtet den weiblichen Akt auf der Leinwand. Setzt einen roten Tupfer Ölfarbe und lässt den Blick zu den Wolken schweifen. Lauscht den zwitschernden Vögeln nach. Sein Atelier ist im Sommer der Balkon. Dass der 46-Jährige erst seit neun Monaten malt, ist angesichts der fulminanten, intensiven Werke kaum zu glauben. Er hat Fans in den sozialen Netzwerken, wo er seine Bilder zeigt. „Das hat mich sehr berührt“, schreibt eine Userin. Und ein anderer meint: „Die Bilder strahlen so viel aus.“

Was genau das ist, ist wie bei jeder Kunst schwer zu greifen. Vielleicht liegt es daran, dass der ehemalige Straßenbau-Vorarbeiter beim Malen sein Innerstes sprechen lässt. „Wenn ich am Freitag aufräume und putze, entsteht ein Gedanke.“ Diese Idee reife über Nacht zu einem Bild. Und das bringe er dann an den Wochenenden auf die Leinwand.

Farben mischen, die richtige Pinselführung – einen Kurs hat der dreifache Vater nie gemacht. „Ich wollte das einfach mal ausprobieren“, sagt er und war selbst erstaunt über die Freude, die er beim Malen hat. Und das Talent, das andere ihm bescheinigen. Das Malen ist ein Prozess. Wie das Leben. Das Rüstzeug und Handwerk für die Leinwand erinnert bei Capo an arrivierte Kollegen, die an Akademien studiert haben. Er hat das nicht, folgt seinem Bauchgefühl. Capo malt abstrakt. Einen auf den ersten Blick in allen Farben schillernden Clown, der aber auch dunkle Flecken hat. Sein Seelenbild. Genauso flirrend, wie seine persönliche Geschichte.

„Ich hatte alles, Frau, Haus, Kinder und einen super Job“, berichtet der in Hechingen geborene Martin Capo. Eine Hüftoperation machte die Arbeit im Knochenjob unmöglich. Er musste umsatteln. Privat und beruflich. Das Paar trennte sich einvernehmlich und er trat eine Umschulung zum IT-Kaufmann an. „Ich fühle mich schon irgendwie als Mathematiker“, sagt er, der seine Freizeit der Familie, dem Fußball und der Feuerwehr geopfert hatte. „Immer für alle, nur nie für mich“, sinniert er. Sein Leben sei von Montag bis Sonntag strukturiert und minutengenau verplant gewesen.

Klar gab es das Gitarrenspiel. Musik sei ja auch irgendwie Mathematik. Die Gitarren lagern auf dem Schrank in der kleinen Wohnung in Balingen. Zur Arthrose kam Rheuma in den Händen. Keine gute Idee, damit in die Saiten zu hauen. Die Idee, es mit Pinsel und Farbe zu versuchen, ist ihm irgendwie zugelaufen. Wie auch sein Wohnort. „Ich wollte mindestens 40 Kilometer Abstand von meinem alten Leben. Hier war zufällig eine Wohnung frei“, erinnert er sich. Capo ist einer, der das Leben auf sich zukommen lässt. Aber das musste er erst lernen. Und auch den Verzicht nach einem prallen Leben. Was anfangen mit der vielen freien Zeit, wenn das Geld knapp ist? Auf seine neuen Farben hat er zwei Monate lang gespart. Für ihn kein Verzicht, denn wenn er in die Welt seiner Kunst eintaucht, erlebt er unglaublich viel.

In sich drin. Und auch von außen. Die Nachbarn von gegenüber kennen den Mann, der malend auf dem Balkon steht und winken freundlich. Sein erstes Bild hat er an den Käufer einer seiner Gitarren verkauft. Der wollte eigentlich nur das Instrument abholen. Und fand sich in dem kleinen Dachgeschoss in einer regelrechten Galerie wieder. Capo hat für ihn ein Porträt des zwölfjährigen Hundes gemalt, mit ganz eigener Handschrift. Intuitiv, wie er so vieles im Leben tut. Und mit ganz viel Gespür für die ganz feinen Dinge und Schwingungen.

Martin Capo fühlt sich angekommen in seinem neuen Leben und seiner neuen Heimat. „Trotzdem bin ich immer Prozess, das ganze Leben fließt“, sagt er. Und lächelt. „Es geht mir heute wieder gut“, sagt er. Das verdankt er auch seinem Mut, etwas Neues auszuprobieren. Und einem Talent, von der er nicht einmal ahnte, dass er es besitzt. Für ihn wertvoller, als viele Dinge anzuhäufen. Sachen sind Ballast – die Kunst befreit ihn innerlich.

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