In Rosenfeld wurde der evangelische Pfarrer Bernd Hofmann im vergangenen Jahr über Social-Media-Kanäle beschimpft und verbal übel angegriffen wurde. Auslöser war die Einschulungsfeier der Iselin-Schule. Durch ein Interview im Tübinger „Schwäbischen Tagblatt“ wurde dieser Vorfall nun, Monate später, auch einer größeren Öffentlichkeit bekannt.
„Einschulung Rosenfeld, Kreis Balingen“ lautet der unverfängliche Titel eines Videos, das die AfD-Freunde Tübingen vergangenen September bei Facebook gepostet haben. Zu sehen sind darauf Rosenfelds evangelischer Pfarrer Bernd Hofmann und ein Imam der muslimischen Ditib-Gemeinde Schömberg. Die christliche-muslimische Kooperation war Teil der (für alle Erstklässler und deren Familien freiwilligen) Willkommensveranstaltung in der örtlichen Iselin-Grundschule.
Unter den Erstklässlern sind knapp ein Drittel muslimischen Glaubens. Der evangelische Geistliche hatte deshalb seinerzeit die Idee – nach positiver Rücksprache mit seinem katholischen Amtskollegen, den Vertretern der Stadt und der Schule – für die interreligiöse Einschulungsfeier im Beisein eines Imam.

Es taucht ein Video auf

Mindestens ein Anwesender der Feier aber konnte sich wohl nicht damit abfinden, dass man in Rosenfeld versuchte, den Kindern aufzuzeigen, dass unterschiedlicher Glaube seine Berechtigung hat und in friedlicher Koexistenz münden sollte. Er oder sie veröffentlichte via Social-Media-Kanälen das erwähnte Video und provozierte damit wüste Beschimpfungen und Drohungen.
Wandten sich die einen in ihrer Wut gegen Religionen im Allgemeinen, verdammten wiederum andere mit rüden Worten konkret den evangelischen Pfarrer von Rosenfeld und den Imam aus Schömberg.
Plötzlich fand sich die Einschulungsfeier auf der Internetseite eines rechten Fanatikers, aber auch auf derjenigen christlicher Fundamentalisten, die offensichtlich der erzkonservativen, katholischen Piusbruderschaft nahestehen.

Es folgt eine Kleine Anfrage ans Kultusministerium

Doch damit nicht genug. Die AfD-Landtagsabgeordnete Christina Baum aus dem Main-Tauber-Kreis nahm sich der Einschulungsfeier ebenfalls an und stellte zu dem Vorgang eine offizielle Kleine Anfrage an das baden-württembergische Kultusministerium.
Neben einigen Fragen zum organisatorischen Ablauf der Einschulungsfeier, interessierte sich Baum speziell auch für die ausgesuchte Koran-Passage, die der Imam in arabischer Sprache vorgetragen hatte (eine an die Wand projizierte deutsche Übersetzung, die Pfarrer Hofmann vorlas, inklusive).
Diese aus Baums Sicht zu beanstandende Textauswahl war auch Kern ihrer Begründung für die Kleine Anfrage. Die Antwort des Kultusministeriums: „Die Texte wurden durch die beteiligten Religionsvertreter ausgewählt.“ Sie hätten sich an gängigen Arbeitshilfen für Schulfeiern – zum Beispiel: „Religiöse Feiern im multireligiösen Kontext der Schule“ oder „Handreichung für die Fachkonferenzen Evangelische und Katholische Religionslehre und Schulleitungen aller Schularten“, herausgegeben von den Evangelischen Landeskirchen Baden und Württemberg sowie der Diözese Rottenburg-Stuttgart und der Erzdiözese Freiburg in Baden-Württemberg, orientiert.

Staat verweist auf Neutralitätsgrundsatz

Auch wiesen die Vertreter des Ministeriums darauf hin, dass „aus dem Grundsatz der religiösen und weltanschaulichen Neutralität folgt, dass der Staat Glaubensinhalte einer Religion nicht bestimmen oder bewerten darf“. Es sei folglich nicht Aufgabe des Staates, religiöse Texte einer Interpretation oder Beurteilung zuzuführen.

Es blieb unterm Deckel

Während also christliche und weltliche Bedenkenträger, aber eben auch jeweilige Fanatiker, im vergangenen Herbst auf Online-Kanälen aus der schlichten, interreligiösen Einschulungsfeier, einen Skandal zu kreieren versuchten, gelang es den Verantwortlichen von Schule, Stadt und Kirche, die Debatte mittels Gesprächen, auch mit örtlichen AfD-Vertretern, wie ausdrücklich erwünscht vor einer größeren Öffentlichkeit unter dem Deckel zu halten.
Dabei wäre es wohl auch geblieben, wenn nicht das Schwäbische Tagblatt Tübingen vor wenigen Tagen ein Interview mit Hans-Ulrich Probst, dem seit einigen Monaten im Amt befindlichen Referenten für die Themen Populismus und Extremismus der Evangelischen Landeskirche Württembergs, veröffentlicht hätte. Darin erzählte der Theologe von seinem Einstieg in die Arbeit, konkret von seiner Vermittlerrolle beim Streit um eine interreligiöse Einschulungsfeier im Dekanat Sulz.

Dem Pfarrer hat es gut getan

Wie er der Tagblatt-Redakteurin mitteilte, konnte er seinerzeit dem Pfarrer „den Rücken stärken“, ihn bei seiner weiteren Vorgehensweise beraten und schließlich das Gespräch mit der AfD vorbereiten und moderieren. „Der Fragenkatalog der Rechts-Partei war in 20 Minuten abgearbeitet, danach herrschte erst mal Ruhe, und dem Pfarrer hat es gutgetan“, erinnert sich Probst. Den Namen und die konkrete (Kirchen-)Gemeinde hatte Probst selbst auf eigenen Wunsch im Gespräch mit dem Tagblatt nicht genannt.
Dass es sich bei der angesprochenen Kirchengemeinde um die in Rosenfeld handelt, war via Internet schnell herauszufinden. Die meisten Hass- und-Hetz-Kommentare sind nach wie vor zu finden.
Die Kirchengemeinde Rosenfeld gehört nicht zum Dekanat Balingen, sondern zum von Hans-Ulrich Probst explizit erwähnten Dekanat Sulz. Da lag es offensichtlich nahe, dass der in Sulz-Renfrizhausen beheimatete AfD-Landtagsabgeordnete Emil Sänze sich auch so seine Gedanken zu der Einschulungsfeier machte. Der Vertreter des völkisch-nationalistischen Flügels innerhalb der AfD benutzte die Thematik als kleinen Einschub innerhalb einer längeren Abhandlung. Titel: „Der Winselmann – eine deutsche Tragödie“.
Sänze kommt darin für sich zum Schluss, dass nicht nur der deutsche Mann sich inzwischen nur noch unterwürfig verhalte, sondern die christlichen Kirchen dies inzwischen gegenüber anderen Religionsgemeinschaften auch täten. „Die Moslems, das halte ich ihnen zugute, wissen, was sie wollen, und halten an ihrer Kultur fest. Für sie ist es eben keine Großtat, sich selber um Anerkennung winselnd aufzugeben!“, schlussfolgert Sänze.

Keine Stellungnahmen

Weder Pfarrer Hofmann noch der kommissarische Schulleiter der Grundschule, Rainer Schwab, wollen jetzt zu den damaligen Vorgängen offiziell Stellung beziehen, nachdem ja ganz schnell wieder Ruhe eingekehrt sei.
Wie zu erfahren war, stand die Einschulungsfeier offensichtlich zu keinem Zeitpunkt in der Kritik innerhalb der Schule und der Elternschaft. Die Idee des Pfarrers, mit der Feier zur christlich-muslimischen Verständigung beizutragen, ist beim Elternabend vielmehr wohl mit Applaus begrüßt worden. Die Reaktionen auf das Video und den daraus erfolgten (Hass-)Kommentare seien von völligem Unverständnis geprägt gewesen.

Zwei E-Mails an die Stadt

Auch von Seiten der Stadt haben die Kirche und die Schule volle Rückendeckung. Rosenfelds Stadtchef Thomas Miller wundert sich immer noch, „wie aus einem Video eine Landtagssache wird“. Für ihn ist die Geschichte auch ein Paradebeispiel, wie Fake News die Realität verzerren.
Auch er hat die Hetze zu spüren bekommen. „Ich habe zwei E-Mails mit weniger nettem Inhalt erhalten; eine kam aus Köln“, berichtet er. Bedroht gefühlt habe er sich aber nicht. Er habe sich die Mühe gemacht, in den jeweiligen Antworten klarzustellen, dass man aufgrund eines zweiminütigen Videomitschnitts keine 45-minütige Schulstunde beurteilen könne. „Es kam nie eine Antwort zurück“, sagt er.