Vierundzwanzig Tage lang arbeitete ein Betrüger im Oktober 2018 als Facharzt in einer internistischen Praxis im südhessischen Zwingenberg, bis der Schwindel durch ein gefälschtes polizeiliches Führungszeugnis aufflog.

Bis zu seinem Rauswurf führte der 36-Jährige „Dr. med.“ aus Balingen in einem eigenen Praxisraum Untersuchungen und Ultraschallaufnahmen an den Patienten durch, behandelte Magenschmerzen und Erkrankungen der Schilddrüse und nahm sogar Impfungen und Nachversorgungen nach Operationen vor.

„Ein Hausarzt, was ist das schon?“

Der Mann ist geständig: „Ich habe gedacht, ein Hausarzt, was ist das schon? Noch nie in meinem Leben habe ich mich so getäuscht. Es ist viel mehr, als nur einen Rezeptblock auszufüllen.“

Vor dem Bensheimer Amtsgericht muss sich seit Montag der falsche Arzt, der lediglich die Hauptschule besucht, eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann gemacht hat und zwischendurch im Kundenservice tätig war, wegen Urkundenfälschung, Betrugs und Missbrauchs von Titeln verantworten.

Erstaunt von der Gutgläubigkeit

Nicht nur in Zwingenberg hat der mehrfach vorbestrafte Angeklagte mit Wohnsitz in Heppenheim Ärzte und Patienten zum Narren gehalten, sondern wenig später ebenso in der Inselklinik auf Borkum und in einem Reha-Krankenhaus in Baiersbronn.

Dort hatte er sich auf Annoncen im Ärzteblatt mit gefälschten Approbations- und Promotionsurkunden als Chef-, beziehungsweise Oberarzt beworben und mit den jeweiligen Geschäftsleitungen ein hohes Gehalt vereinbart.

Dass er genommen wurde, hat ihn offenbar überrascht. Er sei jedes Mal ohne Erwartungen, eine Anstellung zu erhalten, zu den Bewerbungsgesprächen gefahren: „Aber, es ging immer durch.“

Stempel aus dem Copyshop, Arztequipment von ebay

Er habe mit Fachwissen überzeugen können. Die vorgelegten Dokumente, so gestand er vor dem Schöffengericht, habe er sich auf dem Computer selber ausgestellt, entsprechende Stempel im Copyshop fabriziert. Das nötige ärztliche Know-How will er sich auf Webseiten für Ärzte im Internet angeeignet, einen Online-Fortbildungskurs belegt und mit Erfolg abgeschlossen haben.

Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung im April 2019 fand die Polizei neben einem Stethoskop, zwei Pkw-Schildern mit der Aufschrift „Notarzt“, Aufkleber mit dem Logo „Arzt im Dienst“ und ein Blaulicht.

Die Utensilien habe er auf Ebay erworben, aber niemals in Gebrauch gehabt, versicherte der hoch verschuldete 36-Jährige, dem Oberstaatsanwalt Jens Neubauer des Weiteren Kreditbetrug in Höhe von 20.000 Euro vorwirft. Seit 2008 musste er in regelmäßigen Abständen die Eidesstattliche Versicherung ablegen.

Minderwertigkeitskomplexe, Geldprobleme, Arbeitsüberlastung

Vor Gericht zeigte sich der Angeklagte geständig: „Das war großer Mist. Es hätte viel schief gehen können.“ Sein zunächst nach außen getragenes Selbstbewusstsein schrumpfte deutlich von Minute zu Minute. Nach eigenen Angaben leidet er wegen seines Gewichtes unter Minderwertigkeitskomplexen: „Ich bin ein Frustesser.“

Die Situation in der Familie, die Trennung von seiner ehemaligen Freundin, Geldprobleme und Arbeitsüberlastung hätten ihn überfordert „und unter Druck gesetzt.“ Seit 2004 „zieht sich meine Historie mit Betrügereien vor Gericht wie ein roter Faden durch mein Leben“.

Auf einer Dating-Plattform habe er eine neue Partnerin gefunden „und ihr habe ich lange vorgespielt, dass ist Arzt bin.“ Dabei habe er gewusst, dass „sie keinen Blender will. So kam eines zu anderen“, versuchte er sein Doppelleben zu rechtfertigen. Und „deshalb musste die Geschichte weiter gehen“.

Nach vorläufiger Festnahme geht der Betrug weiter

Am 8. April 2019 wurde der Angeklagte in Heppenheim vorläufig festgenommen und zunächst mit elektronischen Fußfesseln auf freien Fuß gesetzt. Nach erneuten Betrügereien und einer gefälschten Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung kam er am 29. Oktober 2019 in Untersuchungshaft. Der Prozess vor dem Bensheimer Amtsgericht soll am 20. April fortgesetzt werden.