Bickelsberg Geißenpeter einen wunderbaren Sommer lang

Bickelsberg / Rosalinde Conzelmann 10.09.2018
Der 22-jährige Marvin Kipp aus Bickelsberg schuftete auf der Schweizer Göscheneralp und lernte dabei, wie groß seine Belastbarkeit ist.

Mit der Postkartenidylle auf den Hochglanzmagazinen hat es nichts zu tun: Die Arbeit auf einer Alm ist ein hartes Geschäft, viele müssen aufgeben, weil sie ihre Belastbarkeit falsch eingeschätzt haben. Marvin Kipp hat durchgehalten, weil ihm sein „Ferienjob“ in der Schweizer Bergwelt Freude gemacht hat. Von April bis August hat der gelernte Zimmermann mit weiteren vier Saisonkräften auf dem Bauernhof von Christian Näf sieben Tage die Woche zwölf Stunden gearbeitet. Antrieb waren ihm das tolle Team, der einzigartige Arbeitsplatz in 1600 bis 2200 Metern Höhe und seine vielfältigen Aufgaben. Gefragt war nicht nur sein Können als Zimmermann, Marvin Kipp war in den fünf Monaten zudem Hirte, Melker, Käser und Landwirt.

Der Bickelsberger wollte vor dem Besuch der Meisterschule noch etwas anderes machen und entschied sich für die Auszeit auf einer Alpe. Kipp hatte zwei Jahre in Davos als Zimmermann gearbeitet und mitbekommen, dass es dort üblich ist, auf Almen zu arbeiten. Und da ihn die Milchproduktion interessierte und er auch Vieh mag, bewarb er sich bei der Göscheneralp mit ihrem jungen, zupackenden Chef, der 165 Geißen hält. Zum Bewerbungsgespräch im Januar holte ihn Näf mit dem Pistenbully ab, weil so viel Schnee lag.

Fünf Monate lang spielte sich sein Leben in einem einzigartigen Bergpanorama ab. Im Haus teilten sich sechs Menschen ein Bad und die Küche; die Arbeitstage waren lang und anstrengend, aber das Miteinander gut. „Wir haben viel gelacht“, erzählt der 22-Jährige, seine Augen blitzen dabei auf. Später sagt er dann nochmals: „Es war wirklich eine lustige Truppe.“ Auf den hunderten von Fotos, die er geschossen hat, sieht man überwiegend lachende Gesichter.

Marvin Kipp hat nicht nur einen großen Tisch und eine Bank für alle gezimmert; er hat auch das Dach eines maroden Schuppens neu gedeckt und das Dachgeschoss ausgebaut. Außerdem hat er die extrem steilen Hangwiesen gemäht, Heu eingebracht, die Ziegen gemolken, im Stall geholfen, Holz geschlagen und Käse gemacht: „Ich hatte das Glück, dass ich alles machen durfte.“

Auf der Göscheneralp leben nicht nur 165 Walliser Schwarzhalsziegen und Gebirgsziegen, sondern auch 13 Hühner und acht Schweine. Die Böcke sind abseits des Hofes. Für die Melkerin begann der Tag um 3.30 Uhr; die Hirtinnen zogen um 5.30 Uhr mit der Geißenherde los und die Käserin, die Lebensgefährtin des Bauern, war ebenfalls um diese Zeit auf. Um sieben Uhr trafen sich alle, bis auf die Hirtinnen zum Frühstück. Pünktlich um 12 Uhr wurde gemeinsam gegessen. „Gekocht hat, wer Zeit hatte“, erzählt Marvin Kipp, der gut klar gekommen ist mit dem Zusammenleben auf engstem Raum. Bis zum Vesper um 21 Uhr klotzten alle nochmals ran, dann gab es noch ein Feierabendbierchen vor dem Einschlafen.

Die geländegängigen Geißen auf der Alm liefern täglich 220 Liter Milch, die zu 20 bis 25 Kilogramm Käse verarbeitet werden. Nur zum Ausliefern der 200- 500- oder 900 Gramm schweren Laibe oder zum Einkaufen hat Marvin Kipp die Alpe verlassen.

Viel fürs Leben gelernt

So richtig zur Ruhe gekommen sei man eigentlich nie. „Das Haus war immer voll“, berichtet er. Auch Kipp hat mehrfach Besuch von seinen Eltern und Großeltern bekommen. Einmal ist sein Bruder Max, ein begeisterter Mountainbiker, zu ihm hochgestrampelt. In zwei Tagen ist er von Esslingen nach Göschenen geradelt.

Marvin Kipp hat auf der Alpe nicht nur durchgehalten und ist nun körperlich topfit, er hat auch viel fürs Leben gelernt und wird die Schweizer Berge auf alle Fälle wieder besuchen. Dabei geht es ihm gar nicht so sehr um den Lohn, den er jetzt erst bekommen wird. „Es war eine einzigartige Erfahrung“, stellt er schmunzelnd fest.

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