Balingen / KLAUS IRION Die evangelische Gesamtkirchengemeinde und die katholische Heilig-Geist-Gemeinde lehnen einen zweiten verkaufsoffenen Sonntag in Balingen ab.

Mit 8:6 Stimmen hat der Balinger Handels- und Gewerbeverein vor wenigen Tagen beschlossen, von kommendem Jahr an jeweils am zweiten Sonntag nach Ostern einen zweiten verkaufsoffenen Sonntag ins Auge zu fassen. Vorbehaltlich der notwendigen Zustimmung durch den Balinger Gemeinderat.

Nicht bindend ist dagegen das Votum, das die evangelischen und katholischen Kirchenvertreter hierzu abgeben. Gleichwohl ist es in Balingen seit vielen Jahren guter Brauch, dass Protestanten wie Katholiken bei diesem heiklen Thema gehört werden. So wie 1998, als Vertreter der beiden Kirchengemeinden, der Stadt und des HGV einen Kompromiss erarbeiteten, der da lautete: Der HGV wird nur einen verkaufsoffenen Sonntag pro Jahr abhalten, dafür verzichten die Kirchengemeinden, die den Sonntagsverkauf ablehnen, an jenem Tag auf Proteste.

"Wir sehen keinen Grund, an diesem damals gefundenen Kompromiss zu rütteln", erklärte Balingens evangelischer Dekan Beatus Widmann. Die evangelische Gesamtkirchengemeinde bleibe nach Diskussion im so genannten engeren Rat gleichwohl bei ihrem einstimmigen Nein zum Sonntagsverkauf. Gleiches Bild in der katholischen Heilig-Geist-Gemeinde: Auch hier fiel laut Pfarrer Wolfgang Braun im Entscheidungsgremium das Nein zu Sonntagsverkäufen einstimmig aus. Widmann wie Braun verstehen das Nein als deutliches Zeichen, "dass nicht alles dem Diktat des Marktes untergeordnet werden darf", als Kritik am "überbordenden Kapitalismus". Der Umsatz der Balinger Händler werde dadurch nachweislich nicht gesteigert. "Es findet lediglich eine Verlegung der Einkäufe auf den Sonntag statt", so Dekan Widmann. Außerdem zwinge man durch Sonntagseinkäufe andere dazu zu arbeiten.

Pfarrer Braun und Dekan Widmann führen aber mitnichten ausschließlich wirtschaftliche Gründe für ihre Ablehnung an. "Nicht umsonst ist der Sonntag verfassungsrechtlich geschützt und ein jahrhundertealtes Kulturgut im christlich-jüdisch geprägten Abendland", so Widmann. Es sei eben genau der Tag, an dem ja schon im Alten Testament zur Ruhe aufgerufen werde.

In diesem Punkt ruft Pfarrer Braun auch zur Selbstkritik auf. "Jeder, da nehme ich mich nicht aus, sollte gerade sonntags prüfen, ob man tatsächlich hier noch dies und dort noch das erledigen muss." Gerade in Zeiten des digitalen Fortschritts werde dies immer schwieriger. Stichwort: Online-Verkauf, der natürlich auch sonntags wie selbstverständlich weiterläuft. Ökumenisch-konsensual kommen Widmann und Braun zum Schluss: "Wir schützen das Menschliche, wenn wir den Sonntag schützen."

Ein offenes Ohr für ihr Nein haben die beiden Pfarrer auf alle Fälle beim HGV-Vorsitzenden Bernd Flohr, der auf Anfrage von dem Doppel-Nein erfuhr. "Nach diesen Voten ist für mich selbstverständlich, dass wir als HGV das Thema noch einmal erörtern werden." Das sei noch kein Hinweis darauf, dass der Antrag für einen zweiten verkaufsoffenen Sonntag gar nicht erst beim Gemeinderat gestellt werden wird. "Aber wir respektieren die kirchliche Ablehnung natürlich", so Flohr.