Frommern Frommern war kein "humanes KZ"

Frommern / ROSALINDE CONZELMANN 24.06.2014
"Frommern war kein humanes KZ", stellte Immo Opfermann bei der Enthüllung des ersten Stelenpaars zum Gedenken der Opfer des Nazi-Unternehmens "Wüste" fest. Stille begleitete seine Worte.

Es war ein denkwürdiger Morgen für die Frommerner, die in großer Zahl in die Parkanlage beim Schiefersee gekommen waren. Die Plätze waren alle besetzt, und der Musikverein hatte unter einem schattenspendenden Baum Aufstellung genommen und umrahmte die Feier mit getragenen Weisen. Balingens Oberbürgermeister Helmut Reitemann erinnerte an die Entstehungsgeschichte der vier Mahnmalpaare mit der Anfrage einer jungen Engstlatterin ans Rathaus, warum denn in Balingen nicht in öffentlicher Form der Todesopfer des Unternehmens "Wüste" gedacht werde, dem erneuten Nachhaken des Balingers Martin Sommerer und schließlich der Gründung des Arbeitskreises "Wüste" 2009.

Die neue Stätte des Erinnerns, die eine Betonstele in Form eines Häftlings und eine mit Informationen zum Unternehmen "Wüste" zeigt, stehe genau am richtigen Platz, betonte der OB und wies darauf hin, wie wichtig es sei, "dass wir und die nachfolgenden Generationen immer wieder ermahnt werden, für Demokratie und gegen Gewalt einzustehen".

Frommerns Ortsvorsteher Hans Uhl erzählte davon, wie er als kleiner Junge das Ölschieferwerk als "grau und dreckig" gesehen habe. Bei seinem Amtsantritt als Frommerner Bürgermeister im Jahr 1966 hätten noch Überreste und ein Schieferloch daran erinnert.

Die Werksanlagen wurden gesprengt, Frommern wollte in eine neue Zeit aufbrechen. "Ich hatte keinerlei Ehrfurcht vor der Geschichte", meinte Uhl und bekennt heute, "dass es unsere Aufgabe gewesen wäre, die Anlagen zu erhalten". Umso mehr freue er sich, dass die Stätte nun an einem Platz stehe, "an dem täglich Hunderte von Menschen vorbeigehen".

Immo Opfermann berichtete von seinen langjährigen Recherchen über das irrwitzige Unternehmen der Nazis, ab 1942 aus Ölschiefer Treibstoff für den totalen Krieg zu gewinnen. Das Frommerner Werk wurde 1943 gebaut, im April 1945 erfolgte die Räumung. Dieses "sinnlose und menschenverachtende Unternehmen" mit dem Namen Wüste kostete über 3000 Menschen ihr Leben. Die systematische Vernichtung durch Arbeit war an der Tagesordnung. Opfermann, der dem "Arbeitskreis Wüste" angehört, zitierte einen ehemaligen Häftling mit den Worten "jedes Lager war ein Vernichtungslager". Danach erzählte er von seiner Begegnung mit einem überlebenden Häftling. Opfermann hatte den typisch gestreiften Anzug eines KZ-Insassen dabei und zeigte damit die Verbindung zur Häftlingsstele auf.

Balingens Stadtarchivar Dr. Hans Schimpf-Reinhardt war es ein Anliegen, allen zu danken, die dem Arbeitskreis den notwendigen Rückhalt gegeben haben, die Idee der Mahnmale an den einstigen "Wüste"-Stätten Frommern, Erzingen und Engstlatt umzusetzen. Dazu zählt die Heimatkundliche Vereinigung, die die Frommerner Stelen anlässlich ihres 60. Geburtstages gestiftet hat. Kreisarchivar Dr. Andreas Zekorn mahnte an, die Erinnerung wachzuhalten. Heute sei es nahezu unbegreiflich, was vor 70 Jahren passiert ist: "Es ist würdig und richtig, dass an die Wüste-Lager erinnert wird."

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