Balingen Flugzeugabsturz: Ermittlungen ohne Bundesamt

Lediglich letzte kleine Trümmerreste deuten auf das Unglück vom Dienstagabend hin.
Lediglich letzte kleine Trümmerreste deuten auf das Unglück vom Dienstagabend hin. © Foto: Daniel Seeburger
Balingen / Gudrun Stoll, Nicole Leukhardt, Benno Schlagenhauf 11.05.2018
Die Ursache für den Zusammenstoß der Segelflieger über dem Lochen ist weiter unklar. Polizei hofft auf Zeugenhinweise.

Dass am Dienstagabend ein Segelflugzeug direkt bei der Lochen-Jugendherberge abgestürzt ist, könnte man am nächsten Morgen beinahe übersehen. Bis auf ein kleines Häufchen mit letzten Trümmerresten und Polizeiabsperrband ist an der Absturzstelle nichts mehr von der Beinahe-Katastrophe zu sehen.

Gegen 17.20 Uhr war am Grillplatz der Jugendherberge ein Segelflugzeug abgestürzt, das zuvor in der Luft mit einem zweiten Segelflieger kollidiert war. Wie es zu dem Unfall kam, ist noch unklar. Die beiden Unfallbeteiligten, ein 50-jähriger Mann in einem Einsitzer sowie ein 30-Jähriger Pilot aus der Schweiz mit seinem gleichaltrigen Copiloten in einem Doppelsitzer, hatten am derzeit laufenden Hahnweidewettbewerb teilgenommen und waren bei Kirchheim/Teck gestartet.

Die Polizei muss bei ihren Ermittlungen auf die Experten vom Bundesamt für Flugunfalluntersuchung verzichten: „Da der Unfall glimpflich ausgegangen ist, ist der Fall für das Bundesamt nicht interessant“, erklärt Michael Aschenbrenner vom Tuttlinger Polizeipräsidium. „Ich gehe davon aus, dass die Ermittlungsführung bei uns, dem Kriminalkommissariat Balingen und der Hechinger Staatsanwaltschaft liegen wird.“

Alle Beteiligten hatten an diesem Tag einen Schutzengel: Die Segelflieger konnten sich mit Fallschirmen retten und kamen mit leichten Verletzungen davon, einige Kinder zogen sich, als sie sich in Sicherheit bringen wollten, bei Stürzen leichte Verletzungen zu. „Ein 16-Jähriger soll von einem kleinen Trümmerstückchen getroffen und ebenfalls leicht verletzt worden sein, aber das wird derzeit noch überprüft“, berichtet Aschenbrenner. Wie lange sich die Ermittlungen ziehen werden, ist noch unklar. Derzeit werde geprüft, ob es in den Flugzeugen möglicherweise ein Aufnahmegerät gegeben hat, das Hinweise auf die Unfallursache geben könnte, was bei kleineren Flugzeugen aber keine Selbstverständlichkeit sei.

Die Unfallbeteiligten wurden noch nicht näher zum Geschehen befragt. „Die ausführliche Vernehmung folgt erst noch.“ Die Ermittler hoffen auch noch auf Zeugenhinweise, denn obwohl die Schüler das Unglück hautnah mitbekommen haben, geben die Aussagen wenig Aufschluss über den Unfallhergang. „Es hat natürlich jeder zum Himmel geguckt, als es geknallt hat“, erklärt Aschenbrenner. „Uns interessiert aber besonders, was vor der Kollision geschah.“ Im Raum steht derzeit, ob eine Anzeige wegen Gefährdung des Luftverkehrs oder wegen fahrlässiger Körperverletzung gestellt wird.

Die Schüler vom Gymnasium Gosheim-Wehingen wurden noch am Dienstagabend von ihren Eltern abgeholt. Die Jungen und Mädchen waren erleichtert, „sich in der Umarmung von Müttern und Vätern nach diesem Erlebnis geborgen zu fühlen“, informiert Schulleiterin Eva Jäger. Diese Freizeit für Schüler ab Klasse fünf bis zur Kursstufe finde regelmäßig für die Mitwirkenden in den Chören und Musikgruppen des Gymnasiums statt. Um Zeit und Logistik für die aufwendige Verpflegung zu sparen, habe man erstmals in der Jugendherberge in Tieringen Quartier bezogen.

Die Chorfreizeit der rund 100 Schüler im Alter von zehn bis 17 Jahren wäre planmäßig am Mittwoch zu Ende gegangen. Die Schule habe es allen Teilnehmern freigestellt, den Unterricht zu besuchen oder das Erlebte in der vertrauten Umgebung des Elternhauses zu verarbeiten.

Einige seien am Mittwoch ganz normal zur Schule gekommen, andere seien zu Hause geblieben. Das Krisenteam des Gymnasiums hat aber bereits getagt um zu beraten, wie die Jugendlichen bei der Verarbeitung des Unglücks begleitet und betreut werden. Auch Eva Jäger spricht von „Glück im Unglück“ und ist, wie alle Gosheimer, mehr als erleichtert über den glimpflichen Ausgang.

In der Gemeinde selbst hat sich die große Gefahr, in der die Jugendgruppe schwebte, über die sozialen Netzwerke in Windeseile verbreitet. Susanne Lutter, Leiterin der Jugendherberge, spricht von einer ausgesprochen guten Zusammenarbeit mit Schülern. Lehrern und Rettungskräften. „Am Tag danach steckt uns zwar der Schrecken noch in den Knochen, aber es hat sich alles beruhigt, die Kinder sind gut nach Hause gekommen und wir sind alle froh, so viele Schutzengel gehabt zu haben.“

Bei den drei Fliegern handle es sich um erfahrene Wettbewerbspiloten, betont Reinhard Diez. Er ist zweiter Vorsitzender der Fliegergruppe Wolf Hirth, die den Hahnweidewettbewerb zum 52. Mal ausrichtet. Warum der Doppel- und Einsitzer in der Luft zusammengeprallt sind, stellt auch die Fliegerkollegen in Kirchheim vor ein großes Rätsel. Diez will sich jedoch an keinerlei Spekulationen beteiligen und das Ergebnis der Ermittlungen abwarten. Der Veranstalter und die Wettbewerbsteilnehmer jedenfalls seien mehr als erleichtert, dass der Zusammenprall in keiner Katastrophe endete. Dass Piloten von Segelflugzeugen Rettungsschirme mit an Bord haben, sei zwar gesetzlich nicht vorgeschrieben, aber in Fliegerkreisen üblich. Es gebe einfach ein besseres Gefühl, sagt Diez.

Die Wettbewerbsleitung ließ am Dienstag alle Teilnehmer ihre Tagesaufgaben trotz des Unfalls zu Ende fliegen, um ein mögliches Risiko durch die zu erwartenden gehäuften Anflüge nach Abbruch des Rennens zu vermeiden. Am Donnerstag wird ein Ruhetag eingelegt. Die drei verunglückten Piloten kehrten noch am Dienstagabend nach der Kontrolluntersuchung im Krankenhaus auf das Fluggelände in Kirchheim zurück.

Info

Hinweise nimmt das Kriminalkommissariat unter Telefon 07433/2640, entgegen.

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