Als Mitarbeiter der Stadtverwaltung Balingen Anfang dieses Jahres erstmals auf die Grundstücksbesitzer zugingen, war die Entscheidung für den Standort Firstäcker im Kreistag schon längst beschlossene Sache. Warum aber wurde der zweite Schritt vor dem ersten, dem naheliegenden gemacht? Die Kreisverwaltung stand schlicht unter Zeitdruck, dem Stuttgarter Sozialministerium ein vorläufiges Konzept für ein Zentralklinikum erstellen zu müssen, um gegebenenfalls an die landesweit heiß begehrten Krankenhausbau-Fördertöpfe zu gelangen. Und dieses Konzept musste auch den Standort beinhalten.

Balingen-Albstadt Deal könnte platzen

Dass das Gebiet Firstäcker überhaupt an erster Stelle der drei möglichen Standorte steht und nicht das nach objektiven Kriterien besser bewertete Gebiet Kelleregert bei Balingen-Weilstetten, liegt an einem Deal der beiden Oberbürgermeister von Balingen und Albstadt, Helmut Reitemann beziehungsweise Klaus Konzelmann. Sie wollen mittels eines Grundstückstauschs erreichen, dass das Zentralklinikum in Teilen auch auf Gemarkung von Albstadt-Laufen liegt. Das wiederum soll die Akzeptanz der Albstädter Bürger für das Großprojekt erhöhen.

Objektive Standortrangfolge „missachtet“

Nun aber könnte die „Missachtung“ der objektiven Standortrangfolge durch die Mehrheit des Kreistags wie ein Bumerang auf die Entscheider zurückschlagen. Am Mittwochabend versammelten sich Firstäcker-Grundstücksbesitzer bei der Firma Eschler Textil GmbH in Balingen-Frommern. Den Firmeninhaber Matthias Eschler und die übrigen Versammelten eint, dass sie sich strikt weigern werden, ihre Firstäcker-Grundstücke für den Krankenhausbau zu verkaufen.

Ein Hauptargument, das alle Verkaufsunwilligen bei diesem ersten gemeinsam Treffen ins Feld führen, sind die topografische Lage von Firstäcker und der Artenschutz. Den Satz: „Wenn man das Gelände genau betrachtet, ist es doch viel zu steil“, hört man beim Treffen nicht nur einmal. Auch wenn man das auf den ersten Blick so gar nicht registriere. Auch die Wassermengen, die von der Schalksburg her herunterlaufen, seien nicht zu unterschätzen.

Dem Dürrwanger Jürgen Hess gehört zwar kein Grundstück im Firstäcker, er möchte den Standort aber aus ökologischen Gesichtspunkten heraus gekippt wissen. „Es kann doch nicht sein, dass ein überregionales Vogelschutzgebiet, das durch das Plangebiet verläuft, keine Rolle spielt.“ Hess verweist auf die Tatsache, dass vor wenigen Jahren ein angedachtes Balinger Gewerbegebiet an selbiger Stelle unter anderem wegen des Vogelschutzgebiets verworfen worden war.

Ein weiterer Ablehnungsgrund ist die verkehrliche Anbindung. Keiner der Standortgegner kann sich vorstellen, dass mitten auf der B463 ein großer Kreisverkehr entsteht. Auch eine alternative Anbindung am Ortsrand von Dürrwangen lehnen sie ab.

Umsiedlung ausgeschlossen

Neben den bautechnischen und den ökologischen Gründen, gibt es rund um Firstäcker aber auch handfeste wirtschaftliche Interessen. So hat die Familie Sellner (Baumschulen und Gartenbau) dort seit vielen Jahren ihren Sitz. „Wir sind bereits einmal umgesiedelt worden, ein zweites Mal gibt es nicht“, erklärte Renate Sellner. Zumal die Stadt Balingen kein adäquates Tauschgrundstück anbieten könne. „Das wird die Stadt auch nicht finden“, ergänzte Helga Zimmermann-Fütterer. Die gebürtige Dürrwangerin und langjährige Kreis-, Gemeinde- und Ortschaftsrätin der SPD war einige der wenigen, die bei der Standortabstimmung im Kreistag seinerzeit gegen Firstäcker und für Kelleregert gestimmt hatten. Nun ermuntert sie die Standortgegner beim Treffen im Unternehmen Eschler standhaft zu bleiben.

Keine Frage des Verkaufssumme

Eines machten alle Anwesenden unmissverständlich deutlich: Auch eine höhere Verkaufssumme würde sie nicht umstimmen. Geboten werden von Stadt und Landkreis offensichtlich 15 Euro pro Quadratmeter Land. Im Falle Sellner sei die Stadt darüber hinaus bereit, den fruchtbaren Boden „mitumzuziehen“. Doch auch damit ist die Unternehmerfamilie nicht zu locken. So wollen dort bleiben, wo in früheren Zeiten die Fürsten ihre Äcker mit dem besten Boden weit und breit hatten. „Daher kommt ja der Name Firstäcker“, weiß Jürgen Hess.

Nimmt man das Treffen als Maßstab, sollte sich der Landkreis schleunigst wieder mit Kelleregert befassen. Nur unweit von Firstäcker entfernt, wäre dort bereits 40 bis 50 Prozent des Grund und Bodens in städtischem Besitz. Bei Firstäcker seien es wohl nur um die fünf Prozent, behaupten die Grundstücksbesitzer. Diese im Falle eines Falles zu enteignen, kommt laut Zimmernmann-Fütterer nicht in Betracht. „Das hat Landrat Pauli vor einiger Zeit schon deutlich gemacht“, betonte die Noch-Kreisrätin, die bei den aktuellen Kommunalwahlen aus Altersgründen nicht mehr angetreten war. Kelleregert hätte zudem den Vorteil, dass es problemlos über einen neuen B463-Anschluss ans überregionale Straßennetz angebunden werden könnte. Ein längst angedachter, aber nie realisierter Anschluss, der auch den vielen Bewohnern der dortigen Weilstetter Neubaugebiete zugute kommen würde. Außerdem wäre der Frommerner Bahnhof via Hurdnagelstraße nicht allzuweit vom Zentralklinikum entfernt. „Kelleregert wäre der Albstädter Bevölkerung genau so gut oder genau so schlecht zu vermitteln wie Firstäcker“, glauben die Dürrwanger Standortgegner.