Balingen Denkmalamt besucht Reste der Wüste-Werke

Die Mitglieder des Arbeitskreises „Wüste“ schauten sich mit Barbara Hausmair (3.v.r.)  und Christian Bollacher (2.v.r.) vom Landesdenkmalamt die Überreste der „Wüste“-Werke, wie hier die Trafostation in Erzingen, an.
Die Mitglieder des Arbeitskreises „Wüste“ schauten sich mit Barbara Hausmair (3.v.r.) und Christian Bollacher (2.v.r.) vom Landesdenkmalamt die Überreste der „Wüste“-Werke, wie hier die Trafostation in Erzingen, an. © Foto: Lydia Wania-Dreher
Balingen / Lydia Wania-Dreher 26.05.2018
Was vom KZ Natzweiler und den Außenlager noch übrig ist, soll geschützt werden. Dazu fand eine Ortsbegehung in Balingen statt.

Die Zeitzeugen, die sich noch an die „Wüste“-Lager erinnern können, werden immer weniger. Daher ist es wichtig, die noch vorhandenen, baulichen Relikte zu erfassen und zu sichern, um auch den nachfolgenden Generationen diesen Teil der deutschen Geschichte anschaulich vor Augen führen zu können.

Aus diesem Grund startete das Landesdenkmalamt im Februar ein vierjähriges Projekt, das sich den Hinterlassenschaften des KZ Natzweiler und den rund 35 Außenlagern widmet. Ziel ist eine umfassende Bestandsaufnahme. Anschließend soll geprüft werden, was unter Denkmalschutz gestellt werden soll. Gestern nun besuchten der Initiator des Projekts, Dr. Christian Bollacher, und die eigens dafür eingestellte wissenschaftliche Betreuerin, Dr. Barbara Hausmair, die Gemeinden Engstlatt, Erzingen und Frommern. „Wir wollen schauen, was noch da ist“, sagte Dr. Christian Bollacher.

Ehrenamtliche helfen mit

Mit dabei waren Mitglieder des Arbeitskreises „Wüste“. Sie hatten bereits im Vorfeld viele Informationen sowie Fotos an das Landesdenkmalamt geliefert und führten nun die Wissenschaftler an die verschiedenen Orte. „Dieses Wissen ist unglaublich wertvoll und zeigt, dass es nicht immer nur an Universitäten angegliedert sein muss“, erklärte Dr. Barbara Hausmair. Sie kämen als Lernende, so die Wissenschaftlerin.

Gestartet wurde der Rundgang am früheren Wüstewerk 3 hinter der Bahnlinie im Ried in Engstlatt. Anschließend ging es nach Erzingen. Hier befand sich das Werk 4 auf dem Geischberg und das Werk 5 im Bonbachtal. Auf dem Hungerberg war ein Barackenlager für mehr als 2000 russische Kriegsgefangene eingerichtet und gegenüber dem Bahnhof gab es ein kleineres Lager für Häftlinge des KZ Natzweiler-Struthof. Ein paar Meter weiter standen die Baracken der Organisation Todt, die größte paramilitärisch organisierte Bauorganisation des NS-Staates.

Von den Bauten in der Nähe des Erzinger Bahnhofs ist heute fast nichts mehr zu sehen. „Hier müssten aber noch Bodenplatten zu finden sein“, sagte Immo Opfermann vom Arbeitskreis „Wüste“. Doch nur, wo es unbedingt notwendig ist, möchten die Wissenschaftler den Boden aufreißen. „Denn oftmals konserviert der Bewuchs ganz gut“, erklärte Hausmair. Die Wissenschaftler machen viel mehr geophysikalische Untersuchungen, um den Untergrund zu untersuchen und erstellen so Bilder von den Überresten.

Die Mitglieder des Arbeitskreises Wüste führten die beiden Wissenschaftler auch zum Trafohaus westlich von Erzingen. Es ist relativ gut erhalten. Auf der Wiese darunter entdeckte die Gruppe dann auch noch die Überreste eines achteckigen Ölbehälters. „Er war jedoch nie gefüllt“, weiß Immo Opfermann. Vor Jahren wurde der Behälter gesprengt. Der Arbeitskreis hat damals verhindert, dass er komplett verschwindet. Barbara Hausmair hat die Luftbilder, die sie vom Arbeitskreis erhalten hat, in ein spezielles Programm einlaufen lassen und verschiedene Aufnahmen übereinandergelegt. So kann man nun sehen, wo genau die historischen Bauten in der aktuellen Umgebung standen.

Gemeinsam mit der hervorragenden Ortskenntnis von Günter Ernst, dem Pächter der Domäne Bronnhaupten, und den fachkundigen Ehrenamtlichen des Arbeitskreises sind so die Überreste selbst im hohen Gras schnell gefunden.

Nicht überall wird gegraben

Anschließend ging es mit den Autos auf den Geischberg. Dort lässt sich noch gut erkennen, wo der 300 Meter lange Meiler stand. Heute ist der gestreckte Hügel mit Sträuchern und Bäumen bewachsen. Südwestlich davon im Wald gibt es noch ein Generatorenhaus und zwei Öltanks. Auf dem Hungerberg sind im heutigen Gebäudebestand noch Teile des „Russenlagers“ enthalten.

Im Anschluss daran schaute sich die Gruppe die Überreste des Ölschieferwerks in Frommern mit dem Liaswerk und der Schwelhalle an.

„Ich gehe davon aus, dass wir im Laufe des Projekts noch viel mehr herausfinden werden“, sagte Michael Walther, Sprecher des Arbeitskreises. Denn auch die Ehrenamtlichen vor Ort sollen von der Arbeit der Wissenschaftler profitieren. „Wir wollen auch ein bisschen was zurückgeben“, sagt Barbara Hausmair. So könnte es zum Beispiel dank neuer Erkenntnisse weitere Publikationen über die Balinger „Wüste“-Werke geben.

Der Arbeitskreis und die „Wüste“-Werke

Ehrenamtliche Der Arbeitskreis „Wüste“ erinnert und informiert über das Unternehmen „Wüste“ sowie über die Zeit des Nationalsozialismus in der Region Zollernalb. Für Interessierte finden Veranstaltungen und Begehungen statt. Auf akwueste.de informiert der Arbeitskreis umfassend über die „Wüste“-Werke.

Geschichte Beim Unternehmen „Wüste“ handelte es sich um den Versuch des nationalsozialistischen Regimes, in den letzten zwei Kriegsjahren, 1944 und 1945, durch den Abbau und die Verschwelung des am Fuße der Schwäbischen Alb zu findenden Ölschiefers, Treibstoff zu gewinnen. Zwischen Dußlingen und Zepfenhan entstanden zehn Werke. In insgesamt sieben KZ-Außenlagern waren mehr als 12 500 KZ-Häftlinge eingepfercht, deren Arbeitskraft äußerst brutal ausgebeutet wurde. Weit mehr als 3500 Menschen wurden zu Tode geschunden, nur um ein paar Tausend Liter Öl zu gewinnen.

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