Pflegerinnen und Pfleger, die Erfahrung im Intensivbereich haben, mögen sich „noch heute“ melden: Das Uniklinikum Tübingen bittet am Mittwochmorgen auf Facebook und Instagram um Unterstützung. Die Klinik spricht mit dem öffentlichen Aufruf auch Kollegen an, „die bereits im Ruhestand sind“. Und erklärt, dass man die Zahl der Intensivbetten habe aufstocken müssen. Bereits am Samstag waren auf der Intensivstation des UKT laut DIVI-Register keine Betten mehr frei. Und auch die ECMO-Plätze, eine Art Herz-Lungen-Maschine, wie sie das UKT auf seiner Intensivstation bereithält, sind belegt – die Ampel im Intensivregister leuchtet rot.
Müssten Patienten aus dem Zollernalbkreis an eine solche verlegt werden, würde die zentrale Koordinierungsstelle auch Zentren in Freiburg oder Ludwigsburg anfragen, erklärt Professor Dr. Boris Nohé, Chefarzt der Intensivstation im Zollernalb-Klinikum. Generell komme eine Verlegung an die ECMO jedoch nur für wenige Patienten in Frage.

Die Belastung im Zollernalb-Klinikum ist groß

Auch im Zollernalb-Klinikum spricht man am Mittwoch von einer großen Belastung. „Seit Sonntag um Mitternacht mussten innerhalb von 36 Stunden sechs neue Covid-Patienten auf die Intensivstation aufgenommen werden“, rechnet Nohé, vor. So habe man in den vergangenen Tagen auf der Intensivstation stets zwischen neun und elf Covid-Patienten versorgt, „nahezu alle beatmungspflichtig“, sagt Nohé. Zum überwiegenden Teil handele es sich dabei um Geburtsjahrgänge aus den 50er- bis 70er-Jahren.

Mediziner fürchten weiteren Anstieg der Patientenzahlen

Glücklicherweise schwanke die Zahl der belegten Betten derzeit noch. „Ansonsten wären die Stationen seit Sonntag zu 100 Prozent ausgelastet“, ergänzt der Mediziner. „Am Dienstag hatten wir ein freies Bett, am Mittwoch drei.“ Eine weitere Ausweitung ist laut Nohé nur vorstellbar, wenn andere Bereiche zurückgefahren würden. Doch auch diese Reserve sei nur bis zu einer gewissen Grenze nutzbar, sagt Nohé.
Insgesamt 45 Covid-19-Patienten seien es, die man derzeit im Zollernalb-Klinikum behandele, sagt PD Dr. Dr. Erwin Biecker, Chefarzt der „Inneren“. Während vor allem auf politischer Ebene um die Frage gerungen wird, wie aussagekräftig – angesichts der vermehrten Testungen in Kitas, Schulen, Betrieben – die Sieben-Tage-Inzidenz sein kann, macht sich der Mediziner keine Illusionen: Die weiter steigende Inzidenz werde man in den nächsten Tagen im Klinikum sehen, fürchtet er. „In der Regel liegen 14 bis 20 Tage zwischen dem Zeitpunkt der Infektion und einem schweren Verlauf.“

Patienten wie in der ersten Welle

Doch bereits jetzt seien die Patientenzahlen eben stark gestiegen. „Zuletzt waren so viele Patienten in der ersten Welle im Krankenhaus“, sagt Biecker. Der Zollernalbkreis galt seinerzeit als besonders stark von Corona betroffen. So oder so: Mit einem Wert von 276,2 meldete der Landkreis am Dienstag die höchste Inzidenz in Baden-Württemberg. Am Mittwoch lag sie bei 266,7 – und damit mit dem Kreis Tuttlingen (267,8) erneut landesweit vorne. „Das Infektionsgeschehen ist weiterhin über den ganzen Kreis verteilt und somit sehr diffus“, sagt dazu Marisa Hahn, Sprecherin des Landratsamts. Eine Vielzahl der Infektionen schreibt das Landratsamt dem privaten Bereich zu. Aber, auch das: „In mehreren Betrieben im Kreis traten zudem Corona-Infektionen auf, zum Teil sogar vermehrt“, so Hahn.

Britische Variante dominiert auch im Zollernalbkreis

Weiterhin stark betroffen sei die Gruppe der Jugendlichen bis jungen Erwachsenen unter 30 Jahren. „In der Altersgruppe über 70 Jahren gibt es kaum noch Infektionen“, sagt Hahn. „Hier kommt die Corona-Schutzimpfung zum Tragen.“ Weit über 80 Prozent der Infektionen gingen zwischenzeitlich auf Mutationen zurück, „die deutlich ansteckender sind“. Dabei wiederum handele es sich in 90 Prozent der Fälle um die britische Variante.
Im Landkreis Sigmaringen macht man derweil einen weiteren Schwerpunkt aus: „Trotz Wechselunterricht an den Schulen, der Schließung von Kitas, die von Infektionsfällen betroffen waren und vermehrten Testungen treten nach wie vor Infektionen von Kindern, Jugendlichen und Mitarbeitenden in Schulen und Kindergärten auf“, heißt es in einer Pressemitteilung des dortigen Landratsamts. „In den vergangenen sieben Tagen war dies in fünf Schulen und vier Kindergärten der Fall.“

„Nur eine kurze Beruhigung durch die Osterferien“

Somit habe es sich laut Tobias Kolbeck, Sprecher des Landratsamts in Sigmaringen, nur um „eine kurze Beruhigung durch die Osterferien gehandelt“. Nun aber seien Infektionen dort wieder verstärkt zu beobachten. „Das Virus geht von den Familien in die Schulen, Kindergärten und Betriebe und umgekehrt“, stellt Dr. Susanne Haag-Milz, Leiterin des Gesundheitsamts in Sigmaringen fest. Milz beobachtet genau wie das Landratsamt im Zollernalbkreis: „Auch Arbeitsplätze spielen nach wie vor eine wichtige Rolle im Infektionsgeschehen.“ Wichtig sei daher, am Arbeitsplatz weiterhin größtmögliche Vorsicht walten zu lassen, appelliert Milz an die Bevölkerung. In Sigmaringen gehen sie offenbar davon aus, dass allein durch die Schließung von Schulen und Kitas die dritte Welle nicht gebrochen werden kann.

Lage in den Kliniken der Region ist ähnlich

„Um eine Trendumkehr des Infektionsgeschehens zu schaffen, müssen auch Erwachsene ihre Kontakte bei der Arbeit und im Privaten einschränken, stark auf Hygiene achten, Abstände halten und sich regelmäßig testen. Nur so schaffen wir es, die Infektionsketten zu brechen“, mahnt das Landratsamt. In den Kliniken im Kreis Sigmaringen sei die Lage durch das dynamische Geschehen und die Ausbreitung der Virusmutanten ebenfalls angespannt. Auch würden „die Verlegungsoptionen immer geringer, da die Lage in anderen Krankenhäusern vergleichbar ernst ist“, heißt es in der Pressemitteilung. Die Sieben-Tage-Inzidenz im Landkreis Sigmaringen lag am Mittwochabend bei 188,0.

Klinik Tuttlingen: „Es ist eine kritische Situation“

Auch im Klinikum Tuttlingen werden die Beatmungsplätze knapp, berichtet die Schwäbische Zeitung. Von 15 Beatmungsplätzen seien demnach bereits vor dem Wochenende 13 belegt gewesen. „Das ist der Unterschied zur zweiten Welle“, sagt Sebastian Freytag, Geschäftsführer des Klinikums, in der Schwäbischen Zeitung. Im Vergleich zum Höchstwert der zweiten Welle würden jetzt 20 Prozent mehr Beatmungsplätze gebraucht. „Es ist eine kritische Situation.“ Und: Es würden auch in Tuttlingen immer jüngere Patienten in die Klinik gebracht. Tuttlingens Landrat Stefan Bär sieht im starken Industriestandort seines Kreises einen Nachteil. In vielen Produktionsstätten seien Arbeitnehmer zusammen tätig. Er fordert die Betriebe auf, da „stärker hinzuschauen“. Denn: „Es gibt hohe betriebliche Zusammenhänge, vier bis sieben Fälle sind Arbeitskollegen“, so Bär. Der Tuttlinger Landrat meint: Dass die Zahlen in die Höhe geschnellt sind, liege nicht unbedingt an den Schnelltests.

Tuttlinger Landrat sieht Schnelltests nicht als Inzidenztreiber

In den Betrieben und kommunalen Testzentren habe es in der vorvergangenen Woche gut 5400 Schnelltests gegeben. Davon waren nur 0,8 Prozent – 41 Personen – positiv, rechnet er in der Schwäbischen Zeitung vor. In elf Prozent habe ein PCR-Test dies bestätigt. „Die Erhöhung kommt ein Stück weit durch die Schnelltests. Aber das ist nicht der Treiber.“ Bär sagt: „Es ist unser Verhalten, das uns da hingebracht hat. Da müssen wir uns zurücknehmen.“ Auch bei Demonstrationen sei der Abstand sowie das Tragen von Masken nicht eingehalten worden. Der Landrat sieht auch darin mit einen Grund für die jetzige Situation. „Die Menschen, die zum Schnelltest gehen, gehen auch sehr sorgsam mit der Situation um“, sagt Bär.

Das Landratsamt meldet weitere 109 Fälle im Zollernalbkreis

109 Corona-Infektionen hat das Landratsamt im Zollernalbkreis am Mittwoch neu bestätigt. Sie teilen sich wie folgt auf: Albstadt (24), Balingen (21), Bisingen (5), Burladingen (10), Geislingen (1), Haigerloch (6), Hausen am Tann (3), Hechingen (5), Jungingen (4), Meßstetten (5), Nusplingen (3), Rangendingen (2), Ratshausen (1), Rosenfeld (2), Schömberg (5), Straßberg (2) und Winterlingen (10). Insgesamt gelten derzeit 918 Menschen im Kreis als „aktiv infiziert“.

Die Inzidenz liegt, Stand Mittwoch, bei 266,7. Im Zollernalb-Klinikum werden laut Klinik 45 Covid-19-Patienten behandelt, aktuell neun davon auf der Intensivstation. Invasiv beatmet werden fünf.

Die Zahl der Impfungen, die im Kreisimpfzentrum und durch mobile Impfteams verabreicht wurden, ist auf 42 485 gestiegen, davon sind 6542 Zweitimpfungen. Die niedergelassenen Ärzte im Kreis zählen bislang 5074 Impfungen.
40 Corona-Fälle bei CTS in Hechingen Ein massiver Ausbruch und die Suche nach den Ursachen

Hechingen