Die Verpflichtung von Bürgermeister Karl-Josef Sprenger in die dritte Amtszeit: Sie sollte am Mittwoch eigentlich im Mittelpunkt der Schömberger Gemeinderatssitzung stehen. Aber nicht die Verpflichtung durch Landrat Günther-Martin Pauli sorgte im Nachhinein für Gesprächsstoff, sondern dessen dort getätigte Aussagen zur mehrwöchigen PCR-Testlücke an Wochenenden im Zollernalbkreis.

Zurück ins Klinikum

Rückblick: Anfang März war die Corona-Inzidenz im Kreis im Landes- und Bundesvergleich noch unterdurchschnittlich, die dritte Welle ließ noch auf sich warten. In diese Zeit fiel im Landratsamt und bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) die Entscheidung, die Wochenend-Notfallpraxis im Zollernalbkreis von der Corona-Schwerpunktambulanz (CSA) im Balinger Berufsschulzentrum wieder an ihren angestammten Platz in den beiden Häusern des Zollernalb-Klinikums zurückzuverlegen.

Rückläufige Patientenzahlen

Im November 2020 war die Notfallpraxis aus den Kliniken herausgenommen und in die CSA verlagert worden, um eine bessere Trennung von Patienten mit coronaspezifischen Symptomen oder Erkältungssymptomen zu gewährleisten. Mitte März dann die erwähnte Kehrtwende: „Aufgrund der aktuellen Entwicklung, rückläufiger Patientenzahlen und struktureller Anpassungen kann nun der Betrieb der Notfallpraxis wieder im Zollernalb-Klinikum – auch für Infektpatienten – aufgenommen werden“, hieß es seinerzeit in einer Pressemitteilung des Landratsamts.

Die Hoffnung trog

Auch der Sprecher der Kreisärzteschaft Zollernalb, der Bisinger Internist Dr. Ullrich Mohr, kam darin zu Wort und wurde mit dem Satz zitiert: „Das ist hoffentlich der Beginn einer langsamen Rückkehr in die Normalität.“ Wie man heute weiß, trog diese Hoffnung.

Mehrere Gründe für Klinikrückkehr

Die dritte Welle traf verspätet auch den Zollernalbkreis und sorgte am 18. Mai gar für die höchste Corona-Inzidenz in ganz Deutschland. Rückblickend sieht Mohr den Wiedereinzug der Wochenend-Notfallpraxen ins Klinikum nach wie vor als aus damaliger Sicht richtigen Schritt. Und dies aus mehreren Gründen. So habe, laut Mohr, der damalige CSA-Leiter signalisiert, dass er diese berufliche Zusatzbelastung auf Dauer nicht mehr schaffe.

KV muss auf die Kosten achten

„Ein weiterer Grund aber war auch die finanzielle Seite“, betont der Arzt aus Bisingen. Die Kassenärztliche Vereinigung, die die CSA im Berufsschulzentrum bis zum heutigen Tag an fünf Werktag-Nachmittagen die Woche betreibt, habe schlicht auf die Kosten achten müssen.

Zak Lab darf nicht untersuchen

Und dann war da noch die Frage der Laboruntersuchungen der PCR-Tests, die in der CSA abgestrichen wurden und werden. Der schnellste und einfachste Weg, für den sich Landrat Pauli vehement eingesetzt hatte, war bereits im vergangenen Jahr von der Kassenärztlichen Vereinigung abgelehnt worden. Nämlich Laboruntersuchungen im Unternehmen „Zak Lab“.

Eine Frage der Erstattung

Dieses Labor liegt nur einen Steinwurf von der CSA entfernt in Balingen-Endingen und bietet alle Voraussetzungen, PCR-Tests auszuwerten. Allein, da es sich um ein auf tiermedizinische Untersuchungen spezialisiertes Labor handelt, „hat die KV erklärt, man könne das Zak Lab nicht einbeziehen, weil deren Abrechnungen zu Erstattungsproblemen von Seiten der Krankenkassen führen würde“, bedauert Kreisärztesprecher Mohr noch heute.

Kein Zeitgewinn durch CSA

Die Folge: Viele PCR-Tests, die an Wochenenden in der CSA durchgeführt worden sind, wurden häufig nicht früher ausgewertet, als Tests, die am jeweiligen Freitag davor oder am Montag danach genommen wurden. „Und dadurch gab es auch keinen Zeitgewinn bei der Bestätigung oder Nichtbestätigung eines Coronaverdachts, der an Wochenenden in der CSA geäußert wurde.“

Seit Jahren im Klinikum

Dies alles führte zum Wiedereinzug der Wochenend-Notfallpraxen ins Zollernalb-Klinikum. Sie ersetzen dort schon seit einigen Jahren an den Wochenenden und an Feiertagen den früheren Notdienst der niedergelassenen Ärzte, den diese früher abwechselnd in ihren eigenen Praxen organsiert hatten.

Auch reine Notdienst-Ärzte

Der Unterschied: In den Wochenend-Notfallpraxen im Klinikum übernehmen neben den hiesigen niedergelassenen Ärzten auch Mediziner von außerhalb des Landkreises tageweise Dienste. „Es gibt etliche Kollegen, die keine eigene Praxis haben, stattdessen ausschließlich Notdienste an unterschiedlichen Standorten verrichten“, sagt Dr. Mohr.

Verdachtsfälle in Notfall-Sprechstunde

Mit der dritten Welle, die den Zollernalbkreis „verspätet“ aber um so heftiger traf, stieg nun auch wieder die Zahl der Corona-Verdachtsfälle, die in den Wochenend-Notfallpraxen aufschlugen. Dies war aber aus Sicht der KV so nicht gewollt.

Zu großer Aufwand

„Die Notfallsprechstunde fungiert auch in anderen Landkreisen nicht als Teststelle. Auch in einer ,normalen‘ Arztpraxis werden eigene Sprechstunden für Abstriche eingerichtet, beziehungsweise die Abstrichpatienten separat behandelt“, sagt Kai Sonntag, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung.“ Ansonsten würden andere Patienten möglicherweise gefährdet. „Hinzu kommt, dass ein PCR-Abstrich einiges an organisatorischem Aufwand bedarf, was den Schutz der Mitarbeiter und Patienten, aber auch die Organisation der Laborwege angeht“, so Sonntag. Daher sei die Notfallsprechstunde als mögliche Anlaufstelle nicht in Frage gekommen.

In den allermeisten Fällen korrekt

Was aber geschah dann, wenn doch Corona-Verdachtsfälle in der Notfallsprechstunde auftauchten? „Dann wurde den Patienten trotz des immensen Aufwands auch weitergeholfen“, sagt Dr. Mohr. Er könne mit Fug und Recht behaupten, dass 90 bis 95 Prozent der Ärzte, die in den vergangenen zwei Monaten in den Notfall-Praxen tätig waren, sich vollkommen korrekt verhalten haben. Und es sei den möglicherweise betroffenen Personen auch erklärt worden, dass sie sich sofort in Quarantäne zu begeben haben und nach dem Wochenende in der CSA oder in einer Corona-Schwerpunktpraxis einen PCR-Test machen lassen müssen.

Wegschicken ist bedauerlich

Dass Coronainfizierte aber auch ohne kurze Begutachtung und ohne Informationen wieder direkt aus der Notfallpraxis weggeschickt wurden, wie Landrat Pauli in der Schömberger Gemeinderatssitzung berichtet hatte, sei so geschehen und sehr bedauerlich, erklärt der Ärztesprecher.

„Verständliche, aber zu heftige Verärgerung“

Er verstehe auch, dass Landrat Pauli darüber verärgert sei. „Wenngleich der Landrat in Schömberg in seiner Verärgerung dann doch etwas über das Ziel hinausgeschossen ist“, kritisiert Mohr. Denn: „Es waren wirklich nur Einzelfälle, die nach allem, was ich weiß, nicht bei den Wochenenddiensten niedergelassener Ärzte aus dem Zollernalbkreis geschehen sind; und auch nicht bei allen Notdienstärzten von außerhalb des Landkreises, die im Zollernalb-Klinikum tätig waren“, beteuert Mohr.

Nur eine Ursache von vielen

Für den Kreisärztesprecher steht daher auch fest, „dass die Ursachen der hohen Inzidenzen der vergangenen Wochen woanders liegen“. Auch PCR-Abstriche an Wochenenden hätten seiner Ansicht nach an der Gesamtsituation nichts geändert. Landrat Pauli hatte in der Schömberger Ratssitzung geäußert, dass man mit Blick auf die testlosen Wochenenden auf „eine mögliche Erklärung für die hohe Inzidenz im Landkreis“ gestoßen sei.

Warum Meßstetten, nicht CSA?

Seit dem Pfingstwochenende ist das Problem der PCR-Tests an Wochenenden gelöst. Die KV und der Landkreis haben eine Teststelle in Nachbarschaft zum Kreisimpfzentrum in der ehemaligen Kaserne in Meßstetten geschaffen. Warum aber dort und nicht den Räumen der CSA in Balingen? „Das kommt daher, dass beim PCR-Test kein Arzt direkt anwesend, aber in Notfällen dennoch schnell vor Ort sein muss“, sagt Mohr. Dies ist in Meßstetten wegen der dort impfenden Ärzte an Wochenenden der Fall. In der Balinger CSA dagegen müsste dafür eigens wieder jedes Wochenende ein Arzt gefunden werden.