Die gute Nachricht des Tages vorneweg: Landrat Günther-Martin Pauli ist im Kampf gegen die Coronakrise ein kreativer Coup geglückt. Coronaproben werden künftig nicht mehr in völlig überlastete Labore geschickt, sondern im Zollernalbkreis ausgewertet – genauer: in veterinärmedizinischen Laboren vor Ort, etwa in Endingen.

Dafür hat Pauli eine Woche lang gekämpft, Expertenmeinungen eingeholt, Behörden abgeklappert. Am Mittwoch dann, kurz bevor der Landrat in einer Pressekonferenz über den Stand der Krise informierte, meldete sich das Regierungspräsidium Tübingen zu Wort. Und gab grünes Licht für die unkonventionelle Lösung im Zollernalbkreis.

Idee begeistert den Klinikchef

Vollste Unterstützung für diese Gangart kommt von Dr. Gerhard Hinger, Chef des Zollernalb-Klinikums: „Coronaviren sind im Tierbereich bestens bekannt“, betont er. Die Veterinärmedizin könne hervorragend mit ihnen umgehen; zudem erhielten die Labore Unterstützung seitens der Klinik.

Damit dürfte Landrat Pauli zumindest eine Sorge weniger plagen: Künftig werden Coronaproben im Zollernalbkreis bereits nach kurzer Zeit ausgewertet sein. Eine Methode, von der Pauli deshalb glaubt, dass sie sich andere Landkreise abschauen könnten. Herausgefordert sieht sich derweil das Zollernalb-Klinikum, das mehr und mehr Coronapatienten versorgen muss.

Junge Patienten schwer erkrankt

Von 219 Corona-Fällen, die am Mittwoch im Kreis bestätigt waren, werden aktuell (Stand: 12 Uhr) 66 im Zollernalb-Klinikum behandelt. „Wir sehen seit dem Wochenende, dass es ganz schnell gehen kann, bis es Patienten schlecht geht“, erklärte der Krankenhaus-Chef am Mittwoch Medienvertretern. Vor allem eine Botschaft ist Hinger wichtig: Auch junge Patienten erleiden teils schwere Krankheitsverläufe – wie er am Beispiel eines 33-jährigen Patienten erklärt: Der junge Mann sei zu Fuß im Krankenhaus vorstellig geworden, habe unter Covid-19-Symptomen gelitten. „Zweieinhalb Stunden später musste er beatmet werden“, schildert Hinger weiter, um den Ernst der Lage zu verdeutlichen. Inzwischen gehe es dem 33-Jährigen, der an einer Vorerkrankung leidet, so schlecht, dass er nach Tübingen verlegt werden musste.

Beatmungsgeräte: Klinik meldet dringenden Bedarf bei der Bundesregierung an

Hingers dringlichste Sorge in dieser Situation, die sich nun täglich zuspitzt: Das Zollernalb-Klinikum steuert auf einen Engpass bei der Beatmung von Intensivpatienten zu. Denn: Gegenwärtig gibt es im Zollernalb-Klinikum 13 Intensivbeatmungsplätze. Stand Mittwoch lagen bereits neun Patienten auf der Intensivstation. Und Hinger sagt: Bei den meisten Covid-19-Patienten, die intensivmedizinisch behandelt werden, ist davon auszugehen, dass sie auch beatmet werden müssen. Um dieser Situation vorzubeugen, hatte Hinger – wie berichtet – Großbestellungen an Beatmungsgeräten aufgegeben.

Doch eine davon wird den Zollernalbkreis nicht erreichen – sie wäre aus den USA gekommen, die bekanntermaßen nicht mehr exportieren. Die andere Bestellung hatte Hinger bei der Firma Dräger in Lübeck aufgegeben – das allerdings hatte auch die Bundesregierung getan. Hinger hofft, dass der Bund dem Zollernalbkreis schnell Geräte zuspricht. „Wir haben den Bedarf bei der Bundesregierung angemeldet“, sagt Hinger, mehr kann er im Moment nicht tun. Außer sich auf dem Gebrauchtmarkt umzuschauen. An derlei Geräte, die wieder einsatztüchtig gemacht werden könnten, sei aber nur schwer ranzukommen, weiß der Krankenhaus-Chef.

Viele Lichtblicke im Kreis

Es ist weit mehr als ein schweres „Päckchen“, das im Moment auf den Schultern von Landrat Pauli und Krankenhaus-Chef Hinger lastet. Umso wichtiger ist den Krisenmanagern, auf die Lichtblicke hinzuweisen, die Mut machen: Textilunternehmen beispielsweise, die ihre Produktion umgestellt haben und nun Atemschutzmasken herstellen – auch wenn diese, das ist Pauli bewusst, nicht immer höchsten medizinischen Standards entsprechen. Pauli sagt, auch die Landkreise und Kommunen rückten in diesen Tagen näher zusammen.

Und er ist dankbar für jede konstruktive Idee – wie die des Balinger Arztes Dr. Daniel Urban. Aus dessen Feder stammt das Konzept der Corona-Schwerpunktambulanz, die kommende Woche in der Balinger Sparkassenarena in Betrieb geht. Sie soll vor allem die Hausärzte im Kreis entlasten, deren Telefone nicht mehr stillstünden. Die aber auch vielfach schließen mussten, aktuell unter Quarantäne stehen. Die neue Schwerpunktambulanz – deren Öffnungszeiten noch bekanntgegeben werden – ist künftig die erste Station potenzieller Covid-19-Fälle (mehr dazu am Ende dieses Artikels).

Ärzte sollen sich melden, Arbeitgeber DRK-Helfer freistellen

Einen dringenden Appell richteten Landrat Pauli und Klinikchef Hinger am Mittwoch an medizinisches Fachpersonal. „Wir brauchen jeden“, sagen sie. Hinger betont: „Es müssen nicht zwingend Allgemeinmediziner oder Internisten sein.“ Auch Ärzte anderer Disziplinen, der Chirurgie etwa, sollen sich melden, beispielsweise aus dem Ruhestand.

Aber auch Fachpersonal aus Medizin und Pflege würden in der Schwerpunktambulanz sofort gebraucht. Sie würden, versicherte Landrat Pauli, unkompliziert beim Landkreis angestellt. Akute Personalnot macht derzeit aber auch DRK-Chef Heiko Lebherz aus, der an alle Arbeitgeber im Zollernalbkreis appelliert: „Bitte stellen Sie die Ehrenamtlichen des Roten Kreuzes von der Arbeit frei!“ Dies geschehe bislang nur zurückhaltend – doch die Helfer werden händeringend benötigt.

Kontakt:

job@zollernalbkreis.de

einsatzleitung@drk-zollernalb.de

Station 1 für Verdachtsfälle wird künftig die Corona-Schwerpunktambulanz in der Balinger Sparkassenarena. In einem Einbahnstraßensystem – die Patienten sollen sich untereinander nicht anstecken – wird hier untersucht und überwiesen, an das Testzentrum auf dem Messegelände oder die Corona-Station.

Die Corona-Station 250 Betten stehen in der Balinger Kreissporthalle für Patienten bereit. DRK-Helfer machen die Station einsatzklar, es gibt viel zu tun: Auch um die Verpflegung der Patienten muss sich beispielsweise gekümmert werden. Erste Patienten sollen bereits am Samstag aufgenommen werden.

Klinik Für Patienten, die in die Klinik überwiesen werden, steht eine sogenannte Decision Unit – ein Zelt mit Betten – bereit. Ärzte entscheiden dort, je nach Schwere der Symptome, ob Patienten von dort auf die Normal- oder die Intensivstation verlegt werden. Die Decision Unit ist am Mittwoch bereits in Betrieb gegangen. Im Zollernalb-Klinikum versuchen sie, das Balinger Haus zum Corona-Zentrum zu machen. Andere Abteilungen sollen schwerpunktmäßig in Albstadt Dienst verrichten. „Das ganz zu trennen wird uns aber nicht gelingen“, sagte Klinikchef Dr. Gerhard Hinger am Mittwoch. Auch in Albstadt werden Covid-19-Fälle behandelt.

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