Von Schülermonatskarten über wirtschaftliche Folgen der Krise bis hin zu Beatmungsgeräten: Landrat Günther-Martin Pauli ist am Mittwochabend bei seinem zweiten Online-Bürgerdialog von einigen Interessierten zum Thema Coronavirus im Zollernalbkreis eifrig befragt worden.

Und wenn es nicht gerade Fragen zu unbekannten Flugobjekten am Himmel des Zollernalbkreises oder zu landes- oder kommunalpolitischen Themen außerhalb seines Bereichs sind, hat er auch versucht, diese knapp und doch umfänglich zu beantworten.

Schnell kristallisierten sich die beiden Kernthemen heraus, die die Bürger im Zollernalbkreis umtreiben: die rein medizinische Situation und die wirtschaftlichen Folgen, die so gut wie jeden im Landkreis direkt oder indirekt treffen.

Medizinisch habe man versucht sich gut vorzubereiten. Mehr Intensivbetten, mehr Beatmungsgeräte. Letztere seien derzeit alle belegt. Italienische Verhältnisse wolle man tunlichst vermeiden; weitere Geräte seien bestellt.

Landkreis wartet auf weitere Beatmungsgeräte

Wann diese eintreffen ist aber unklar, sagt Pauli. Er nutzt immer wieder die Gelegenheit einzustreuen, das ein jeder seinen Teil dazu beitragen kann und unbedingt auch soll, um die Geschwindigkeit der Verbreitung des Virus abzubremsen.

In die Kreissporthalle, antwortet Pauli auf eine Frage, wolle man Patienten erst verlegen, wenn die Kliniken, darunter auch die Acura-Klinik in Albstadt, die Situation nicht mehr verkraften. Für eine solches Szenario sucht das Zollernalb-Klinikum weiterhin nach helfenden Ärzten und Pflegekräften.

Solidarisch mit den Nachbarn

Ist Not am Mann, sei aber die Uniklinik in Tübingen in der Nähe. Das gelte umgekehrt aber auch für die Nachbarlandkreise. „Die Hilfsbereitschaft endet nicht an der Kreisgrenze“, sagte Pauli, der auch innerhalb der Bevölkerung zu Solidarität beispielsweise gegenüber lokaler Unternehmen appelliert.

Um der Situation weiter Herr zu sein, plant der Landkreis sowohl in einer Arztpraxis in Albstadt als auch in Schömberg eine Corona-Schwerpunktambulanz wie in der Balinger Sparkassenarena einzurichten. Bei Bedarf werde dann an das Testzentrum auf dem Messegelände überwiesen.

Kritik an der Statistik

Angesprochen auf die Todesfälle in Folge von Covid-19 gibt Pauli zu bedenken: Es könnte auch immer wieder Vorerkrankungen gegeben haben und die Lungenkrankheit habe den Verlauf beschleunigt.

Auch die Zahl der Gesundeten sei nicht wasserdicht, sagte Pauli. Denn die meisten meldeten sich nicht als gesundet bei den Behörden. Auch Tests zur Bestätigung einer Genesung gebe es nicht mehr.

Verständnis und Geduld, wenn es menschelt

Pauli bittet die Bürger um Verständnis und Geduld, falls es in der Krisensituation mal nicht sofort rund laufe. Das gelte auch für die Wartezeit auf ein Testergebnis, trotz lokaler Labore.

Insgesamt 2789 Abstriche habe man bislang im Zollernalbkreis genommen. An manchen Tagen können sich 400 Tests anhäufen. Müssen dann noch unklare Tests mehrfach erneut ausgewertet werden, „kann es auch mal vier oder fünf Tage gehen“. Die Infektionsketten nachzuvollziehen und die Verbreitung so einzudämmen werde immer schwieriger, doch man versuche es weiterhin.

Schutzmasken für alle?

Eine Schutzmaskenpflicht ist auf Landesebene derzeit ausgeschlossen, eine flächendeckende Versorgung aller Bürger derzeit auch eher schwierig bis unmöglich. Auch wenn wie berichtet einige lokale Unternehmen in die Produktion von einfachem Behelfs-Mundschutz eingestiegen sind.

Zudem testet der Landkreis derzeit einen Gesichtsschutz, den womöglich lokale Betriebe produzieren könnten.

Medizinisches Personal zuerst versorgen

Der Landkreis bemüht sich aktuell zentral darum, zertifizierte Schutzmasken für Ärzte, Pflegepersonal, Rettungsdienst und die Menschen in der Kinderbetreuung zu besorgen.

Erste Lieferungen seien bereits eingetroffen; auch zertifizierte Masken seien unterwegs. Und für die Kommunen im Landkreis habe man mitbestellt. „Auch das wird nicht reichen“, sagt Pauli und antwortet damit auf die Frage, ob man denn bei den Gemeinden dann einen Mundschutz kaufen könne.

Bei Familie Pauli wird genäht

„Auch bei mir daheim wurde schon die Nähmaschine ausgepackt und ist man kreativ geworden“, plauderte Pauli wortwörtlich aus dem Nähkästchen. „Ich könnte das nicht.“

Pauli hatte dafür aber einen Tipp parat: Ein Täschchen in die Maske einplanen, wo zusätzlich ein Taschentuch eingelegt werden kann.

Pauli hört sich die Probleme an

Auch wenn es hie und da mal knirscht und menschelt, sei der Zollernalbkreis gut gewappnet und habe einen vergleichsweise stark aufgestellten Krisenstab, resümierte Pauli. Nicht zuletzt, weil man im Zollernalbkreis durchaus Erfahrung mit Katastrophen, Hochwassern etwa, habe.

Vereinzelt kam auch Kritik auf, von unverständlichen Regelungen die Schülermonatskarte betreffend (Pauli: „Ich spreche mit dem Naldo-Geschäftsführer“) bis hin zu „nur einer“ geöffneten Zulassungsstelle in Balingen (Pauli: „Längere Öffnungszeiten wären möglich, wir schauen uns das an“).

Wertstoffzentren können wieder öffnen

Apropos Öffnungszeiten: Ab dem 4. Mai sollen alle zehn Wertstoffzentren wieder geöffnet werden, sagte Pauli. Unklar sei bislang noch, ob diese dann auch regelmäßig geöffnet bleiben können.

Wieder öffnen dürfen bis auf Weiteres auch zahlreiche Gastronomen nicht, viele Unternehmen leiden stark unter der Coronakrise. „Unsere Wirtschaftsförderungsgesellschaft macht sich Gedanken, wie wir unbürokratisch helfen können“, sagte Pauli.

Hilfe für Unternehmen gefordert

Es habe schon Gespräche mit den Kammern, den Kommunen und Banken gegeben. Pauli setzt aber auch auf pfiffige Ideen der Gastronomen und die Solidarität der Bürger lokalen Unternehmen gegenüber.

Krise wäre mit Zentralklinikum einfacher zu managen

Ganz unpolitisch blieb der Dialog dann doch nicht: Eine solche Krise hätte man an einem Ort (Stichwort Zentralklinikum) besser koordinieren können. „Zwei Häuser sind nicht immer geschickt“, meinte Pauli. Erfahrungen aus dieser Krise werde man in die Planungen zum Zentralklinikum einbauen. Einiges habe man nicht auf dem Schirm gehabt. Eine solche Situation konnte man sich bislang nicht vorstellen.

Die Krisensituation wolle man nun auch nutzen, um einzelne Bürgerdienste früher als geplant zu digitalisieren, kündigt der Landrat an.

Aufstellung nach Orten kommt

Der Landkreis wolle außerdem demnächst eine Aufstellung der bestätigten Covid-19-Fälle nach Orten veröffentlichen. Das habe man anfangs nicht nur aus Datenschutzgründen vermieden. Bei Einzelfällen in kleinen Gemeinden sollte so die Stigmatisierung von positiv Getesteten vermieden werden.

Dass nun mit zahlreichen Fällen eine detailliertere Aufstellung veröffentlicht werden soll, sei ein Zeichen für die Transparenz, die der Landkreis an den Tag legen wolle. Das Livestream-Format scheint sich so zum Erfolgsmodell zu entwickeln.

Landkreis ist zufrieden mit dem Format

Zeitweise verfolgten rund 250 Interessierte den Livestream, 1000 Aufrufe erzielte der Landrat mit dem Video bis zum Abend. Über 100 Kommentare hatten Pauli und sein Team zu bearbeiten.

Schon beim ersten Online-Bürgerdialog in der vergangenen Woche hatte der Landrat 3000 Aufrufe und über 180 Kommentare verzeichnen können. „Eine starke Resonanz“, resümierte das Landratsamt vor einer Woche.

Pauli lernt in der Krise dazu

Wie generell in den vergangenen Tagen der Coronakrise habe er dazugelernt, sagte Pauli nun bei der zweiten Facebook-Sprechstunde. Will kürzere Antworten geben, mehr Fragen beantworten – und das erfolgreiche Format weiter ausbauen.

Gerade auch dann, wenn die Zeiten von zwei Metern Abstand und Versammlungsverboten wieder vorbei sind. Die wegen des Coronavirus abgesagten, aber ohnehin meist sehr spärlich besuchten Bürgerdialoge zum Thema Mobilität könnten so nachgeholt werden, aber auch bei Jugend- und Seniorenthemen kann sich der Landrat ein digitales Format wie einen solchen Livestream vorstellen.

Nächster Bürgerdialog am 8. April

Am kommenden Mittwoch, 8. April, bietet Landrat Pauli erneut ab 17.30 Uhr auf seiner Facebookseite die Möglichkeit zum Online-Bürgerdialog.

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