Onstmettingen Christ will Koran im Original lesen

Er liest in beiden heiligen Schriften: in der Bibel und im Koran. Pfarrer Philippus Maier möchte den muslimischen Glauben besser verstehen und so zu einer gelungenen Integration beitragen.
Er liest in beiden heiligen Schriften: in der Bibel und im Koran. Pfarrer Philippus Maier möchte den muslimischen Glauben besser verstehen und so zu einer gelungenen Integration beitragen. © Foto: Olga Haug
Onstmettingen / OLGA HAUG 06.10.2015
Der Onstmettinger Pfarrer Philippus Maier belegte Seminare in Islamwissenschaften. Warum? Weil er Muslime besser verstehen und kennen lernen will. So könne seiner Ansicht nach Integration funktionieren.

Es geht darum, einander kennen zu lernen und sich besser zu verstehen. Das sind die Beweggründe, die hinter Pfarrer Philippus Maiers Entscheidung stehen, Seminare der Islamwissenschaften an der Tübinger Universität zu besuchen und Arabisch zu lernen. Sein Ziel: den Koran im Original lesen.

"Wir haben zunehmend Muslime in der Bevölkerung. Sie sind Teil unserer Gesellschaft", sagt der 52-Jährige, der überzeugt davon ist, dass eine gelungene Integration eben auf diesem Wege funktionieren kann. "Wenn wir diese Menschen integrieren wollen, müssen wir auch auf sie zugehen und nicht ausgrenzen." Gleichsam könne Muslimen so der christliche Glaube besser erklärt werden, denn meist scheitert die Kommunikation eben auch an Verständigungsproblemen.

Doch wie kam Maier dazu, Seminare zu belegen, ist er doch schon seit 1989 studierter Theologe? Sein Studium absolvierte er an der Uni Tübingen und in Aberdeen in Schottland. "Die Landeskirche ermöglicht ihren Pfarrern und Pfarrerinnen einmal im Berufsleben ein Kontaktstudium in der Theologie, wofür man Sonderurlaub während des Sommersemesters bekommt", erklärt Maier - um sein Studium wieder aufzufrischen und dazuzulernen.

Vergangenes Sommersemester entschied sich Pfarrer Maier, unter anderem die Bereiche Mittelalter und konfessionelles Zeitalter zu vertiefen. An der Islamischen Fakultät besuchte er rein interessehalber Seminare und belegte einen Grundkurs in der arabischen Sprache. Arabisch wolle er auch weiterhin lernen und hat sich deshalb an einen Arabischlehrer in Onstmettingen gewandt. Einfach ist es jedenfalls nicht. "Mühsam", sagt Maier. Aber dies ist die einzige Möglichkeit für den Theologen, den Koran im Original zu lesen - und zwar entgegen der westlichen Leserichtung: von hinten nach vorne und von rechts nach links. Bislang bedient sich Maier einer deutschen Übersetzung und stellt fest: es gibt Unterschiede aber auch einige Gemeinsamkeiten. Ein Anknüpfungspunkt ist Jesus. Er tritt im Koran als der zweitgrößte Prophet nach Mohamed auf. Außerdem lassen sich im Koran Teile der zehn Gebote finden sowie verschiedene biblische Gestalten. Und eines ist beiden heiligen Schriften überaus gemein: Die Welt wurde von Gott erschaffen. Der Sündenfall wird im Koran hingegen weit weniger streng betrachtet. Deshalb spielt auch die Erlösung durch Jesus keine Rolle. Was aus Sicht eines Muslims nur schwer zu verstehen sei, erklärt Pfarrer Maier weiter, ist die christliche Dreifaltigkeit: Gott in drei Gestalten. "Wer an einen strengen Monotheismus glaubt, für den ist das nur schwer zu verstehen", weiß Maier, der erklärt, dass aus der muslimischen Perspektive die Dreifaltigkeit vielmehr als Glaube an drei Götter gesehen werde. Deshalb, erklärt Maier weiter, werden Christen in streng muslimischen Gebieten auch als Bürger zweiter Klasse betrachtet. Christen werden ausgegrenzt, eben auch aus Angst, Muslime könnten zum christlichen Glauben konvertieren.

In Deutschland, so glaubt Maier, können beide Religionen nebeneinander existieren - eben auch auf der gesetzlichen Grundlage der Religionsfreiheit, insofern alle diese respektieren. Was sich der Onstmettinger Pfarrer Philippus Maier von seinen muslimischen Zeitgenossen aber noch wünscht: Mehr Offenheit, und dass auch sie den Kontakt suchen. Die Tailfinger Moschee jedenfalls habe Maier zusammen mit dem Kirchengemeinderat im April dieses Jahres besucht. "Wir wurden offen aufgenommen." Die muslimischen Gläubigen haben ihre Sicht der Dinge klar dargelegt, sagt Maier ohne weiter ins Detail zu gehen. "Das ist auch völlig legitim", fügt er hinzu. Denn so entsteht ein reger Austausch und so besteht die Chance, dass das gegenseitige Verständnis und die gegenseitige Akzeptanz wächst.