Information Bürgerinitiative will Klage einreichen

Maya Maser 30.03.2017

Die Wut auf den Zementhersteller Holcim, auf das Regierungspräsidium Tübingen und auf das Landratsamt ist groß. Das war beim Bürgertreffen am Montagabend im Gasthaus Plettenberg in Schömberg deutlich zu spüren. Worum es geht? Erst vor zwei Wochen erhielt Holcim vom Regierungspräsidium die Genehmigung zur Erhöhung der Ersatzbrennstoffe von 60 auf 100 Prozent. Eine Umweltverträglichkeitsprüfung wurde zuvor nicht gemacht. Diese würde aufzeigen, ob gesundheitliche Beeinträchtigungen für Mensch, Tier, Pflanzen, Wasser und Böden, aber auch Lärm des Straßenverkehrs vorliegen oder zu erwarten sind.

Ein Unding, dass diese Prüfung nicht angeordnet wurde, so die Auffassung des BUND, des Landesnaturschutzverbandes, der Bürgerinitiative und 16 Kritikern, die Einspruch erheben. „Als nur ein Brennstoff – bis jetzt Kohle – zum Einsatz kam, waren die Abgasströme weitestgehend bekannt“, sagte Siegfried Rall, ehemaliger Gemeinderat und Organisator des Treffens. „Wenn jetzt aber über zehn verschiedene Ersatzbrennstoffe und giftiger Sondermüll zum Einsatz kommt, werden die Emissionen nicht mehr vorhersehbar und die Umwelt eklatant geschädigt.“ Dieses und die Gefahren eines Dioxinunfalls würde das Regierungspräsidium in seiner Genehmigung nicht berücksichtigen, so Ralls Vorwurf. „Deshalb ist ein Umweltverträglichkeitsgutachten unbedingt erforderlich und muss eingeklagt werden.“

Rall wirft zudem dem Zementwerk vor, beim sogenannten „Direktbetrieb“ den Filter für vier Stunden täglich abzuschalten. „Die können dann alles in die Luft blasen, was sie wollen.“

Der ehemalige Dotternhausener Bürgermeister Norbert Majer legte das Augenmerk besonders auf die Kosten, die eine Klage verursachen würde. „Da hier eventuell Kosten von 30 000 bis 50 000 Euro entstehen können, sind wir auf jede kleine und größere Spende angewiesen.“

Ein weiteres Thema, das bei dem Bürgertreffen thematisiert wurde, ist Balingen. Die Kreisstadt liegt in der Hauptwindrichtung des Zementwerks. Für die Bürgerinitiative ist es daher möglich, dass die Schadstoffe, die in Dotternhausen aus den Kaminen des Zementwerkes hochsteigen, bei Balingen zurück zur Erde gelangen und eventuell die Böden belasten. Um dies beweisen zu können, hat Martin Stussak, Sprecher der Bürgerinitiative Pro Plettenberg, Bodenproben veranlasst. Dabei sei vor allem der Hungerberg in Erzingen negativ aufgefallen: „Als ich die Ergebnisse gesehen habe, hat es mich gelupft“, so Stussak. Die Proben würden unglaubliche Überschreitungen von Giftstoffen zeigen. Stussak forderte auf, auf dem eigenen Grundstück Bodenproben zu nehmen und einzuschicken. „Vielleicht können wir dann eine Art Karte mit den Bodengiftstoffen zeichnen“, erklärte er sein Vorhaben.

Norbert Majer forderte, dass das Regierungspräsidium dem Zementhersteller die Auflage stellen soll, eine Katalysatorenanlage (SCR) einzubauen. Damit sei es möglich, die Schadstoffbelastung um 50 Prozent zu senken. Doch weder Holcim noch das Regierungspräsidium seien darauf bisher eingegangen. „Es ist schon komisch, dass sich kleine Zementwerke diesen SCR-Filter leisten können, Dotternhausen aber nicht“, behauptete Martin Stussak.

Was sagt Holcim zu den Vorwürfen?

Stellungnahme Holcim äußert sich auf Nachfrage wie folgt: „Das Zementwerk hat die aktuelle Technologie und verschiedene Abgasminderungen im Einsatz, was die niedrigen Emissionswerte auch zeigen. Es ist genau die Technologie, die für die Prozesse im Zementwerk Dotternhausen auch Sinn macht. So zum Beispiel feuerungstechnische Maßnahmen, wie sehr hohe Verbrennungstemperaturen und lange Verweilzeiten der Abgase im Hochtemperaturbereich, in dem organische Verbindungen zerstört werden. Darüber hinaus eine mehrstufige Absorption im Wärmetauscherturm, Rohmühle und Filter zur Minderung von sauren Bestandteilen – wie zum Beispiel Schwefeloxide, Fluorverbindungen, Chlorverbindungen – und von Schwerme­tallen.
Des Weiteren eine SNCR-Anlage zur Minderung von Stickoxiden und schließlich noch einen hochmodernen Gewebeschlauchfilter zur Minderung von Staubemissionen und gleichzeitig Adsorption von Schwermetallen und organischen Stoffen. Aufgrund unserer Rohstoffsituation, unserer ausgewählten Ersatzbrennstoffe und unserer Anlagentechnik sind wir in der Lage, alle Grenzwerte nicht nur einzuhalten, sondern diese größtenteils deutlich zu unterschreiten.“

Filter „Die Behauptung, dass für vier Stunden am Tag ein Filter ausgeschalten wird, ist falsch. Wir haben sechs verschiedene Filterstufen im Klinkerbrennprozess an verschiedenen Stellen, die während des ­Regelbetriebs immer aktiv sind.
Nur in Ausnahmefällen der Wartung ist es ­technisch vorgesehen, eine dieser Filterstufen zu deaktivieren – die ­anderen fünf sind
davon unberührt
weiter aktiv.“