Balingen "Wir sind keine rechtsradikalen Spinner"

Balingen / KLAUS IRION 27.02.2016
Ein Mensch mit konservativ-liberalem Weltbild: So sieht sich Stefan Herre. Der 24-jährige Balinger ist AfD-Kandidat im Landtagswahlkreis Balingen - und vielleicht bald schon Abgeordneter in Stuttgart?

Trotz seiner jungen Jahre ist Stefan Herre schon sehr lange ein politisch denkender Mensch. Mit einem Engagement bei der Jungen Union hat er einst geliebäugelt, es dann aber doch gelassen. "Ich war mit der Europolitik der CDU nicht einverstanden", begründet der zweifache Handwerksmeister seine damalige Entscheidung. Gerade so wie die einstigen Vordenker der Alternative für Deutschland, (AfD), die sich inzwischen in der Partei ALFA um Gehör und Wählerstimmen bemühen.

Deshalb also die AfD. Mit einem entsprechenden Newsletter, den Herre abonnierte, hat alles angefangen. Sein Interesse an den Ideen von Bernd Lucke und dessen Mitstreitern war geweckt. "Ich war bei der Parteigründung dabei", sagt Herre. "Darauf bin ich ganz besonders stolz." Von da an ging alles ganz schnell. Mit Gleichgesinnten gründete er den Kreisverband Zollernalb, dem er bis heute gemeinsam mit Jan Hermann aus Rangendingen vorsteht.

"Wir sind keine rechtsradikalen Spinner, wir sind besorgte Bürger", lautet Herres Selbsteinschätzung. "Besorgt" über den Kurs, den Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Flüchtlingsfrage fährt. Besorgt darüber, "dass man in unserem Staat nicht mehr weiß, wer sich hier alles aufhält". Schließlich gebe es auf EU-Ebene nicht umsonst das Dublin-Abkommen, an dem sich die deutsche Flüchtlingspolitik orientieren sollte. "Frau Merkel tritt dieses Abkommen aber mit Füßen." Herre hält es da lieber mit der Merkelschen Schwesterpartei in Bayern: "Ich sehe uns als CSU für den Rest Deutschlands." Wobei er auch den Christsozialen, respektive dessen Vorsitzenden Horst Seehofer, einen Vorwurf macht: "Er droht immer nur mit Blockade in der Regierungskoalition, am Ende aber zieht er dann doch immer zurück."

Herre plädiert für Deutschland als Einwanderungsland, verweist dabei auf Länder wie die USA oder Australien. Letzteres hätte mit seiner Null-Toleranz-Politik und dem damit verbundenen Rückführen von Flüchtlingen zum Ausgangspunkt ihrer Flucht das Problem in den Griff bekommen. Herre: "Wir müssen die - auch finanziellen - Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Flüchtlinge möglichst nahe ihrer Heimat in Sicherheit sind, bis die Kriege in ihrem jeweiligen Land vorüber sind." Im Fall Syrien heiße das konkret, die Türkei nach Kräften bei der Bewältigung der dortigen Flüchtlingskrise zu unterstützen.

Wieviel Prozent traut er seiner Partei denn bei der Landtagswahl zu? "Zwölf Prozent plus x sind möglich." Und wie sieht er seine eigenen Chancen, als Abgeordneter nach Stuttgart zu kommen? Bei allem Selbstbewusstsein, das der gebürtige Balinger im Gespräch an den Tag legt: Diese Antwort kommt etwas zögerlich und ausweichend: "Wir rechnen damit, dass die AfD im Regierungsbezirk Tübingen zwei bis drei Landtagsmandate erringen kann." Ziehe man das Ergebnis der vergangenen Europawahl zum Vergleich heran, würde es für den Wahlkreis Balingen reichen, hat Herre hochgerechnet.

Im Falle eines Falles also bereits mit 24 Jahren Berufspolitiker? Auch hier zögert der Kandidat einen kurzen Augenblick. "Natürlich würde ich meine ganze Kraft in das Mandat investieren, schließlich würde mich der Staat ja genau dafür entlohnen." Ein Hintertürchen zu seinem derzeitigen beruflichen Tun ließe sich der AfD-Mann aber offen. "Die stille Teilhaberschaft an einem IT-Startup-Unternehmen, das ich 2011 gegründet und später an weitere Gesellschafter übergeben habe, würde ich fortführen." Und was, wenn es mit seinem persönlichen Einzug in den Landtag nicht klappen sollte? "Dann habe ich die Zusage auf eine Festanstellung bei einem Unternehmen, für das ich derzeit als Berater tätig bin." Der ausgebildete Industriemechaniker hat bei der Handwerkskammer Reutlingen erfolgreich den Kurs zum Handwerksmeister Feinwerktechnik und bei der IHK Reutlingen ebenso mit Erfolg den Kurs zum Industriemeister Metall 2000 absolviert.

Was den Wahlkampf angeht, gilt für Herre die Devise: "Wir konzentrieren uns voll auf uns." Denn dass der frühere AfD-Vorsitzende Bernd Lucke mit seinen Getreuen die Partei verließ, um wenig später die Partei ALFA aus der Taufe zu heben, hat Herre nach eigenem Bekunden "gar nicht erfreut". Damals übernahm in der AfD Frauke Petry das Ruder, die jüngst mit ihren Äußerungen zum Schießbefehl bei illegalem Grenzübertritt für bundesweites Entsetzen sorgte. Nicht von ungefähr hat der AfD-Kreisvorstand im Anschluss beschlossen, Petry-Vize Beatrix von Storch, die in Balingen sprechen sollte, wieder auszuladen.

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