Oper „La Bohème“: Ein Opernfest mit Leidenschaft und Herzblut:

Auf der Bühne der voll besetzten Balinger Stadthalle bot sich dem hellauf begeisterten Publikum ein kunterbuntes und lebendiges Bild mit den engagierten Akteuren.
Auf der Bühne der voll besetzten Balinger Stadthalle bot sich dem hellauf begeisterten Publikum ein kunterbuntes und lebendiges Bild mit den engagierten Akteuren. © Foto: Ralf Biesinger
Balingen / Simon Haasis 14.11.2017

Mit ihrer 17. Eigenproduktion, der Oper „La Bohème“ von Giacomo Puccini, stieß die Stadthalle Balingen eine neue Ära im Programm an. Die siebte Produktion unter der Leitung von Dietrich Schöller-Manno ist die erste, die in Originalsprache gegeben wird.

Dem künstlerischen Leitungsteam sowie allen Mitarbeitenden vor und hinter den Kulissen ist es gelungen, gleich zweifach etwas zu beweisen: Zum Ersten ließen sie in dieser an die Grenzen der Belastbarkeit einer Kompanie gehenden Produktion alle kritischen Stimmen im Regen stehen, die behaupten, dass Musiktheater im ländlichen Raum keine Chance hat. Zum Zweiten wurden auch die eines Besseren belehrt, die immer noch glauben, man müsse als Publikum etwas von Oper verstehen, um sie genießen zu können.

Giacomo Puccinis 1896 uraufgeführte Oper La Bohème ist hier die richtige Wahl. Denn sie ist einer jener unsterblichen Klassiker der Operngeschichte. Damit liegt aber auch ein Nachteil für das Projekt der Stadthalle Balingen offen. Alle Mitwirkenden müssen sich einer Herausforderung stellen, die nicht groß genug zu bewerten ist. Sie treten gegen die ganz Großen ihres Faches an.

Ein großes Lob für ihre nicht selbstverständliche Professionalität sei zuallererst den Künstlern der auftrumpfenden arcademia sinfonica, dem stil- und textsicheren Balinger Opernchor, dem grandiosen Jugendchor, welcher aus Schülerinnen und Schülern der Sichelschule Balingen, des Firstwald-Gymnasiums Mössingen und der Musikschule Hübner besteht, den Tänzerinnen des Tanzwerks Reutlingen sowie den halsbrecherisch agierenden Akrobaten, Statisten und den Darstellern von Parpignols Puppen sowie der Stadtgarde im zweiten Aufzug ausgesprochen. So viel Leidenschaft und Herzblut in einen Opernabend zu investieren, ist erfrischend zu erleben und macht einfach Spaß.

Bei den Solistinnen und Solisten handelt es sich mit einer aufgrund der Rollenanforderungen heraus zu hebenden Ausnahme, um sehr junge Vertreter ihres Standes. Das tut der Aufführung nicht nur sehr gut und bereichert sie ungemein, sondern ermöglicht den Sägerinnen und Sängern, von denen viele Mitglieder der Stuttgarter Opernschule sind, sich zu präsentieren.

Ein Fest fürs Publikum

Die beiden Hauptpaare des Abends lassen keine Wünsche offen: die stimmschöne, anrührende Mimi von Manuela Vieira, der sing-schauspielerische Rodolfo von Tenor Roman Popoinyi sowie der schlicht überragende Marcello von Vladislav Pavliuk stehen einzig eine Kleinigkeit hinter der Vollblutkünstlerin Carla Thullner zurück, die eine Musetta singt, die man hasst und liebt zugleich. Timos Sirlantzis als Colline und der quirlige Arthur Canguçu als Schaunard, dem der Coup des ersten Aufzugs mit seiner Erzählung gelingt, ergänzen zusammen mit dem agilen Parpignol von Robin Neck das junge Ensemble. In der Doppelrolle des Benoit und Alcindoro verzaubert Axel Wagner, der mit seiner Rollengestaltung an den leider jüngst verstorbene Wiener Urgeist Alfred Šramek erinnert.

Nicht vergessen werden darf die Regieleistung von Gillian Hughes, die durch Lebhaftigkeit und Detailliebe begeistert. Unterstützt von Choreographin Nena Keller bezaubert das schöne Bühnenbild von Oliver Walter, das mit Videoprojektionen von Oliver Feigl angereichert wird. Vor allem Chor und Kinderchor stechen optisch hervor.

Die drei Abende waren ein Fest für ein begeistertes Publikum.

120

Jahre sind seit der Uraufführung der Oper „La Bohème“ von Giacomo Puccini im „Teatro Regio“ in Turin vergangen – und noch immer fasziniert das Werk.