Balingen "Ichlinge" statt Teamplayer

Balingen / NICOLE LEUKHARDT 23.11.2013
"Unsere Kinder sind zunehmend egozentrisch und egoistisch", meint Diplom-Psychologe Dr. Stephan Valentin. Am Mittwoch las er in Balingen.

Valentins aktuelles Buch "Ichlinge" beschäftigt sich mit der Frage, warum die heranwachsende Generation keine "Teamplayer" hervorbringt. Die Lesung im Studio der Balinger Stadthalle gestaltete sich zu einem Dialog mit dem Autoren.

"Unsere Kinder sind die einsamste Generation, die es je gab", behauptete der Psychologe und gab auf die Frage, warum das so ist, interessante Antworten. Einerseits habe sich der Erziehungsstil geändert, "junge Eltern wollen ungern ständig nein sagen, beziehen ihre Kinder in alle familiären Entscheidungen mit ein und treten mehr als Freund und weniger als Autoritätsperson auf", erklärte er. Kinder würden auf diese Weise nicht mehr lernen, wenn ihr Egoismus andere störe, und seien überfordert, wenn sie mit ihrem Verhalten aneckten.

Einsamkeit rühre jedoch auch vom zunehmenden Gebrauch von Bildschirmmedien. Ob Facebook, SMS oder Chaträume - "Kinder und Jugendliche haben vermehrt nur noch kalte Kontakte, echter Dialog von Angesicht zu Angesicht findet immer weniger statt", begründete er. Weil alles per Knopfdruck möglich sei, fehle das Interesse und das Verständnis für die Prozesse, die hinter einem fertigen Ergebnis stünden, so Dr. Valentin.

Gleichzeitig sei das Internet für Heranwachsende eine Flucht vor dem Leistungsdruck, "denn das Internet bietet Musik und Bilder und fordert nicht". In seiner Praxis in Paris erlebe er regelmäßig, dass bereits Kinder exzessiv und stundenlang vor dem Computer säßen, "dafür gehen Lebenskompetenzen, die man in der Familie durch Gemeinschaft und Dialog lernt, rapide zurück", so seine Erfahrungen.

Während fünf Prozent der Neugeborenen bereits eine E-Mail-Adresse hätten und sieben Prozent ein Konto bei Facebook, könnten gerade einmal neun Prozent der Sechsjährigen sich die Schuhe alleine binden. Verteufeln wolle er das Internet keineswegs, aber "Eltern müssen ihre schützende Funktion wahrnehmen und dem Konsum Regeln entgegensetzen", betonte er.

Gleichzeitig wolle er den Eltern Mut machen, sich dem gesellschaftlichen Druck zu entziehen. Zukunftsängste würden Eltern dazu veranlassen, ihr Kind von Anfang an - "sogar schon im Mutterleib" - zu fördern, denn "der heutige Leistungsdruck ist enorm".

Oft werde jedoch schlicht vergessen, dass sich Kinder am besten entwickeln, wenn man sie einfach Kind sein lässt, schloss er.

Info "Ichlinge" von Dr. Stephan

Valentin ist im Goldmann Verlag

erschienen. Der Psychologe ist am

6. Dezember im SWR in Wieland

Backes "Nachtcafé" zu sehen.

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