Das Auto der Zukunft ist vielfarbig: Schwarz das Dach, die Türen in roter Farbe, die restliche Karosserie strahlt in einem hellen Weiß. Vorstandsvorsitzender Ralf W. Dieter vom Maschinen- und Anlagenbauer Dürr in Bietigheim-Bissingen spricht bereits von einem Trend bei der Farbgebung, der im Straßenverkehr auch schon sichtbar ist. Die Ursache dafür sei eine immer weitergehende Individualisierung des Massenprodukts Auto.

Bei Dürr, wo man zuletzt einen Umsatz von 3,7 Milliarden Euro erzielte und Kunden weltweit mit hochkomplexen Lackier-Robotern beliefert, reagiert man auf den Geschmackswandel bei der Farbgebung.

Bei einer Vorführung vor Journalisten wird der Unterschied der Robotergenerationen deutlich. In einer Lackierbox steht eine Karosserie in weißer Farbe. Ein Roboter besprüht das Dach mit Schwarz. Vorher wurde alles andere an der Karosserie mit Folie abgeklebt. Nicht nur, dass man die Folie im Anschluss per Handarbeit entsorgen muss, bei diesem Vorgang gibt es auch rund 30 Prozent Sprühverluste, so Frank Herre. Er ist bei Dürr Entwicklungschef für Roboter und verantwortlich für die Applikation, sprich die Anwendung und den Lackauftrag.

In der Lackierbox nebenan steht ebenfalls eine schneeweiße Karosserie, die auch ein schwarzes Dach bekommt – dazu wurde die Karosserie jedoch nicht mit Folie abgeklebt. Wie ein menschlicher Arm schwebt der Roboterarm über das Autodach, um zunächst Laserpunkte zu setzen, die als Begrenzungspunkte dienen. Dann beginnt der Digital-Knecht seine Arbeit. Aus den Düsen am Ende des Arms, die einzeln kontrolliert werden und sich gleichzeitig öffnen und schließen, wird schwarze Farbe exakt Streifen für Streifen über das ganze Dach aufgetragen. Sprühverluste gibt es keine und auch keinen Plastikmüll. Nach gut zehn Minuten ist die Arbeit des Roboters beendet, das Autodach glänzt als eine komplette schwarze Fläche, Streifen sind nicht erkennbar.

Die digitale Entwicklung solcher Lackier-Roboter, die bislang mit Schwarz und Weiß über eine kleine Farbpalette verfügen, ist schon weit vorangeschritten. Die Autohersteller würden großes Interesse zeigen, so gibt es bei Audi in Ingolstadt eine erste Testinstallation, die im Sommer in die Serienproduktion überführt werden soll. „Es gibt mehr Anfragen als wir bedienen können“, so Dr. Lars Friedrich, Chef der Lackier-Roboter-Divison bei Dürr.

Die weitere Digitalisierung der Roboter ist allein danach ausgerichtet, dem Kunden einen Mehrwert, sprich Kosteneinsparungen, zu verschaffen. Die „hohe Kunst der Applikation“ habe schon begonnen, so Vorstandsvorsitzender Dieter, deshalb müsse man im Ablaufprozess schon frühzeitig Lack-Fehler ausschließen, um diese eben nicht erst bei der Qualitätskontrolle zu entdecken. Dies führe im Nachhinein zu Ausfallzeiten und damit zu Kosten.

Damit die Dürr-Anlagen auch bei den Kunden die gewünschten Leistungen bringen, verfügt das Unternehmen nach eigenen Angaben über das weltweit größte und modernste Lackier-Technikum. Dort werden im Testcenter nicht nur Kunden-Mitarbeiter ganz unterschiedlicher Fachrichtungen mit Simulationen geschult, sondern es gibt im Kundenauftrag auch Versuche und Entwicklungen.

Bei der Digitalisierung, so Dieter weiter, sei man führend, nur laute bei Dürr die Devise: „Wir machen erst und dann reden wir darüber.“

Wie weit die Dürr AG bei Industrie 4.0, die umfassende Digitalisierung der industriellen Produktion, ist, zeigt sich unter anderem daran, dass das Unternehmen im ersten Halbjahr rund 60 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung investiert hat und sich allein 70 Mitarbeiter in der Dürr-Digital-Factory mit diesem Thema beschäftigen.

Mit „Adamos“ hat der Konzern eine zweigeteilte Plattform geschaffen, wodurch Kunden digitale Lösungen angeboten werden. Sie können dazu Apps und den digitalen Service nutzen. Darüber hinaus können auch die Lieferanten der Dürr-Kunden an „Adamos“ teilnehmen und Daten beisteuern. Ebenso können die Maschinen von Wettbewerbern angeschlossen werden.

Intelligente Systeme

Die aktuellen Projekte sind derzeit eine selbst verbessernde Lackiererei, basierend auf Systemintelligenz. Mit der Darstellung von Produktionsdaten in Echtzeit soll mehr Transparenz geschaffen werden, hinzu kommt die Bereitstellung von intelligenten Wartungstools.

Für Dürr-Vorstandsvorsitzenden Ralf W. Dieter ist die Digitalisierung und die damit verbundene Vernetzung weit mehr als eine Herzensangelegenheit. Denn nur so könne der Maschinenbau in Deutschland in Zukunft und weltweit wettbewerbsfähig bleiben.

„Wir werden weiter wachsen“


Im Ausblick auf das Jahr 2019 sagte Ralf W. Dieter, man werde ein ähnliches Geschäftsvolumen und ein besseres Ergebnis als 2018 erzielen. „Wir werden weiter wachsen“, so der Dürr-Vorstandsvorsitzende am Mittwoch vor Journalisten.
Auf die Frage nach Zukäufen zeigte sich Dieter zurückhaltend. „Wir sind nicht gut beraten, Unternehmen zu Höchstpreisen zu kaufen“.  Derzeit würden auch keine aktuellen Gespräche stattfinden, „wir haben keinen Druck.“
Mit der Plattform „Adamos“ wolle man es auch kleineren Maschinenbauunternehmen ermöglichen, die Digitalisierung umzusetzen. Dazu habe Dürr ein Netzwerk von Dienstleistern aufgebaut. Er setze dabei auf Kooperation.
In Bezug auf die Elektromobilität zeigte sich Dieter zuversichtlich, da auch E-Autos lackiert werden müssten.
Schon jetzt biete man innovative Lösungen für das Auswuchten von elektrischen Antrieben an.  itz