Stuttgart/Ellwangen Gericht arbeitet an der Chronologie

Vor der Wirtschaftskammer des Stuttgarter Landgerichts wird gegen drei ehemalige Angestellte der BAG Ellwangen verhandelt. Wegen Bilanzmanipulationen geriet das Unternehmen in Schieflage und musste mit der BAG Hohenlohe fusionieren.
Vor der Wirtschaftskammer des Stuttgarter Landgerichts wird gegen drei ehemalige Angestellte der BAG Ellwangen verhandelt. Wegen Bilanzmanipulationen geriet das Unternehmen in Schieflage und musste mit der BAG Hohenlohe fusionieren. © Foto: opo
Stuttgart/Ellwangen / Sebastian Unbehauen 20.11.2018
Ein früherer Raiffeisenmarkt-Mitarbeiter widerspricht am sechsten Verhandlungstag in Stuttgart den beiden ehemaligen BAG-Vorständen entschieden.

Der nächste Akt in der Verhandlung um manipulierte Bilanzen der BAG Ellwangen lief am Mittwoch. Seit Wochen wird gegen drei ehemalige Angestellte der BAG Ellwangen verhandelt. Wegen Bilanzmanipulationen war das Unternehmen in Schieflage geraten und musste mit der BAG Hohenlohe fusionieren. Jetzt läuft die juristische Aufarbeitung.

Am sechsten Verhandlungstag setzte die 10. Große Wirtschaftsstrafkammer des Stuttgarter Landgerichts die Beweisaufnahme im sogenannten BAG-Prozess fort. Diesmal vor großem Publikum, denn allein acht ehemalige BAGler waren nach Stuttgart angereist. Im Gerichtssaal auch ein früherer Mitbewerber, dem die nicht nachvollziehbare Preispolitik der BAG Ellwangen über Jahre hinweg schwer zu schaffen gemacht hatte, wie er sagte.

Laut Tagesordnung war die Anhörung dreier Zeugen vorgesehen. Aufgrund neuer Erkenntnisse vertagte der Kammervorsitzende Wolfgang Schwarz die Vernehmung des früheren Leiters des Raiffeisenmarkts Hüttlingen auf den 9. Januar.

Erster im Zeugenstand war ein früherer Auszubildender, der sich in wenigen Jahren zum Abteilungsleiter des Raiffeisenmarkts hochgearbeitet hatte. Der Raiffeisenmarkt der BAG, sorgfältig geplant und am Markt orientiert, so der 52-jährige Kaufmann, habe sich vom Start weg zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt. Sein Vorgesetzter „KHS“ habe von den positiven Zahlen geschwärmt, bis er 1999 die Katze aus dem Sack gelassen und eine Bewertungserhöhung hochpreisiger Artikel im Volumen von 50.000 Euro gefordert habe. Vorgeblich, weil es in anderen Bereichen nicht ganz so gut gelaufen sei. Eine völlig neue Situation, mit der man zunächst nicht umgehen konnte.

„Unterschwellige Hinweise“

„Im Nachhinein“, so der Marktleiter, „wurde mir klar, dass dies der Einstieg in eine verhängnisvolle Spirale war. Ich habe bei der BAG gekündigt, weil ich mich morgens noch länger im Spiegel anschauen wollte.“ Der damalige Hüttlinger Marktleiter habe ihm später erzählt, dass auch dort Manipulationen „an der Tagesordnung“ waren. Den früheren Kollegen habe er, als der gesundheitlich „am Ende“ gewesen sei, bei sich eingestellt, um ihm eine Perspektive zu geben. „KHS“ habe nie offen Drohungen ausgesprochen. Mit unterschwelligen Hinweisen, dass Personal abgebaut werden müsse, habe er aber seinen Forderungen Nachdruck verliehen. Er selbst habe vor seinem Ausscheiden, ohne Erfolg, eine „Palastrevolution“ initiiert.

Kaum weniger gehaltvoll erwies sich die Vernehmung des stellvertretenden Marktleiters aus Hüttlingen. Der war bis 2006 bei der BAG tätig. Dann schied auch er aus Gewissensgründen aus dem Unternehmen aus. Sein Marktleiter hatte ihm nach der Inventur 2005/06 einen Ordner mit „Differenzlisten“ vorgelegt. Ohne nennenswerten Aufwand, so der 47-jährige Kaufmann, habe er Unregelmäßigkeiten in erheblichem Umfang festgestellt. Beispielhaft erwähnte er 2000 Flaschen nicht vorhandenen Weins. Mit dem Kommentar: „Wie lange läuft das schon. Ich hoffe für dich, dass du damit nichts zu schaffen hast“, habe er den Ordner seinem Vorgesetzten zurückgegeben.

„Der Prüfer hat das gefressen“

Einmal sei jener völlig aufgelöst aus seinem Büro gekommen. Der Leiter der Buchhaltung, D. K., habe ihn angerufen, ein Prüfer sei „im Anmarsch“. Jetzt müsse er in dessen Auftrag schnell für fünf, sechs nicht vorhandene Rasenmäher – Wert jeweils circa 5000 Euro – fingierte Ausleihbelege erstellen. Das Erstaunliche daran sei gewesen, dass der Prüfer „das gefressen“ habe.

Gegenüber den beiden Vorständen habe er, die Manipulationen betreffend, unmissverständlich Stellung bezogen. Auch dazu, weshalb er seinen Arbeitsvertrag gekündigt habe. „Die wussten sehr wohl, dass es nicht um unverkäufliche Warenbestände, sondern um handfeste Manipulationen gegangen ist“, erklärte der Zeuge. Ein Missverständnis halte er für ausgeschlossen. Er sei stets deutlich gewesen – mehrfach.

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