Weihnachtslied Zwischen Krieg und Frieden

Zum Repertoire von Harald Beibl und seinem Projektchor gehört auch das Lied „Zion’s Daughter“. Es war Teil der letzten Benefiz-CD. Inzwischen touren die Musiker mit neuen Songs durch die Weihnachtsmärkte. Den Händel-Klassiker spielen sie nur noch auf besonderen Wunsch.
Zum Repertoire von Harald Beibl und seinem Projektchor gehört auch das Lied „Zion’s Daughter“. Es war Teil der letzten Benefiz-CD. Inzwischen touren die Musiker mit neuen Songs durch die Weihnachtsmärkte. Den Händel-Klassiker spielen sie nur noch auf besonderen Wunsch. © Foto: Sabine Franz
Schrozberg / Sabine Franz 07.12.2018
Was man noch alles aus dem Liedklassiker „Tochter Zion“ rausholen kann? Der Projektchor Harald Beibl zeigt es.

Die Sänger des Schrozberger Projektchors bewegen sich synchron im Takt. Wie eine Meereswoge. „Zion’s daughter, now your heart is full of joy“, erklingt es dreistimmig. Chorleiter Harald Beibl hat den alten Klassiker „Tochter Zion“ umarrangiert und ihm einen poppig-rockigen Anstrich verpasst. Doch wer ist eigentlich diese mysteriöse Tochter Zion? Und warum bringen die Briten sie niemals mit dem Christfest in Verbindung?

Eins ist jedenfalls so sicher wie das Amen in der Kirche: „Komponiert hat die Melodie kein Geringerer als Georg Friedrich Händel“, weiß Harald Beibl. Händel gilt als Popstar des Barocks. Der gebürtige Deutsche und Wahlengländer war wohl eine Art Ed Sheeran seiner Zeit. Für das britische Königshaus schrieb er Festmusik und erhielt den Titel eines Hofkomponisten.

Die Melodie erreichte erstmals 1748 die Ohren der Öffentlichkeit: Im Händel-Oratorium „Joshua“ kam sie beim Publikum wohl gut an. Denn der Komponist klaute es aus seinem eigenen Werk und baute den Gesang nachträglich in seinen „Judas Maccabaeus“ ein. Dieses nur wenig ältere Oratorium hat einen politischen Hintergrund, nämlich Englands Sieg über den schottischen Jakobineraufstand, der damals die Gemüter erhitzte.

Der Text des Musikstücks stammt von Thomas Morell und unterscheidet sich vom deutschen „Tochter Zion“ komplett. Er soll die Stärke Britanniens widerspiegeln und beginnt mit „See the conqu’ring hero comes“ – „Seht, der heldenhafte Eroberer ist nahe“. Der Hit verbreitete sich angeblich rasant und die Menschen pfiffen ihn auf den Straßen. Er etablierte sich als patriotischer Gesang und gehört in England noch heute zum Kulturgut. Zum Advents- oder Weihnachtslied taugt er in dieser Form nicht und ist als solcher dort nicht bekannt.

Die 180-Grad-Wendung von der Kriegshymne zur Friedensbotschaft ist Heinrich Ranke zu verdanken. Der evangelische Theologe verfasste um 1820 die deutschen Zeilen und stellte statt des militärischen Helden einen Friedefürsten in den Mittelpunkt. Der langersehnte Heiland läutet das Reich Gottes ein und wird mit „Hosianna“ bejubelt.

Ranke ließ sich von Bibelstellen wie Sacharja 9,9 inspirieren, die er geschickt mit der Melodie verwob. Zunächst war das Lied für den Palmsonntag gedacht, anlässlich des Einzugs Jesu‘ in Jerusalem. Später etablierte es sich auch im Advent. Wer ist nun diese „Tochter Zion“? Es handelt sich um eine poetische Bezeichnung für die personifizierte Stadt Jerusalem. Im Dritten Reich war das Adventslied verboten. Für den Geschmack der Nazis war der Name Zion zu eng mit dem Judentum verbandelt.

Wer heute im evangelischen Gesangbuch blättert, findet es unter der Nummer 13. Im katholischen Gotteslob trägt es die Nummer 228. Es macht Spaß, aus voller Kehle mitzusingen. Fast schon aberwitzig: Gelegentlich ist „Tochter Zion“ sogar als Begrüßungsmarsch auf Schützenfesten und Stimmungsmacher beim Karneval zu hören.

Die deutsche Band Boney M. sang das Lied Anfang der 80er-Jahre in einer freien englischen Übersetzung des friedvollen Ranke-Textes, ohne Kriegshelden. An dieser Version orientierte sich Harald Beibl, als er noch einen englischsprachigen Song für die achte Benefiz-Scheibe seines Projektchors suchte. „Ich baue gern mal einen Klassiker ein, damit der Mix stimmt“, verrät er. Die CD-Serie „Fröhliche Weihnachten“ brachte in den letzten beiden Jahrzehnten 80 000 Euro in die Stiftung „Hilfe für kranke Kinder“ der Uni-Kinderklinik Tübingen ein.

„Zion’s Daughter“ spielten die „Beibls“ in den vergangenen beiden Jahren und der Song kam bestens an. Chormitglied Sheila Osswald findet: „Es ist etwas Besonderes, weil es ein Chorstück ohne Solisten ist. Ein Gemeinschaftserlebnis.“

Seit Ende November gibt es eine brandneue Platte mit 19 hörenswerten Titeln. Die Musiker präsentieren sie derzeit auf den hiesigen Weihnachtsmärkten (siehe www.projektchor-harald-beibl.de). Ganz besonders freuen sie sich auf den Termin am morgigen Sonntag. Um 14 Uhr singt der Projektchor um Harald Beibl erstmals auf dem Nürnberger Christkindlesmarkt. „Ich hab‘ schon ein bisschen Lampenfieber“, gesteht Sänger Mladen Kozina lächelnd.

Den Auftakt der aktuellen Weihnachtstournee bildete letzte Woche ein gelungener Auftritt im Gerabronner Kulturbahnhof. Extra für das Hohenloher Tagblatt machte der Chor eine Ausnahme und sang einen Song aus dem Vorjahresprogramm: „Zion’s Daughter“. Hosianna!

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