Blaufelden Zwischen Döner und Hausaufgaben

Murtaza Moosavi und Sadiq Sartila (von links) sind in Deutschland angekommen und mit ihrem Leben sehr zufrieden. Beide wollen in Deutschland bleiben und sich ein neues Leben aufbauen.
Murtaza Moosavi und Sadiq Sartila (von links) sind in Deutschland angekommen und mit ihrem Leben sehr zufrieden. Beide wollen in Deutschland bleiben und sich ein neues Leben aufbauen. © Foto: Johannes Ihle
Blaufelden / Johannes Ihle 22.06.2018
Die Afghanen Sadiq Sartila und Murtaza Moosavi sind seit rund drei Jahren in Deutschland. In Blaufelden berichten sie über ihr Leben als Flüchtling – und von ihren Wünschen.

Die Angst vor der Abschiebung –  genau das zeigt der Film „Über die Situation von Afghanen in Deutschland“ von Sadiq Sartila und Murtaza Moosavi. Entstanden ist der beim Filmprojekt „Was uns stark macht“ des Schwäbisch Haller Büros für Soziokultur. In den vergangenen Herbstferien schlossen sich zwölf Jugendliche – die Hälfte Flüchtlinge – zusammen und produzierten sieben Kurzfilme. Am Mittwoch waren Sartila und Moosavi in der Begegnungsstätte „Welcome“ in Blaufelden zu Gast, präsentierten sowohl ihren eigenen als auch drei andere Filme des Projekts und standen den Besuchern Rede und Antwort.

Seit knapp drei Jahren sind die beiden Afghanen in Deutschland, leben mittlerweile in Schwäbisch Hall. Die deutsche Sprache verstehen sie beinahe problemlos, das Sprechen läuft mit kleinen Denkpausen reibungslos.

Während der 20-jährige Sartila eine Ausbildung zum Konstruktionsmechaniker macht, steht der 19-jährige Moosavi kurz vor seinem Schulabschluss, im Herbst beginnt er eine Ausbildung als Zerspanungsmechaniker. In ihrem Film ist er der Hauptdarsteller. Sartila war hinter der Kamera aktiv. „Es hat Spaß gemacht, eine Idee zu entwickeln, den Film zu drehen und zu schneiden“, sagt Sartila.

Das Fünf-Minuten-Video zeigt einen jungen Afghanen in verschiedenen Alltagssituationen in Deutschland: beim Fußballspielen mit Freunden, beim Arbeiten auf der Baustelle, beim Mittagessen in der Dönerbude oder bei den abendlichen Hausaufgaben.

Schließlich wird Moosavi in der Nacht geweckt und dazu aufgefordert, innerhalb einer Minute seine Sachen zu packen – die Abschiebung steht an. Cut, schwarzer Bildschirm. Es folgen Bilder vom Krieg in Afghanistan, die die aktuelle Situation zeigen. „In Afghanistan herrscht immer noch großer Krieg“, sagt Sartila. „Das kommt hier nicht so an.“

Die Geschichte beschreibt das Leben vieler Flüchtlinge in Deutschland – auch teilweise die der beiden Filmemacher. Zwar haben sie aktuell ein relativ entspanntes und geregeltes Leben in Schwäbisch Hall, wie sie sagen, doch bis sie vor einer Abschiebung endgültig sicher sind, dauert es noch.

Abschiebung in fremdes Land

„Mein Ziel ist es, für immer hier zu sein. Ich möchte genau so leben wie die Deutschen: Arbeiten, Steuern zahlen und frei sein“, sagt Moosavi. Das Skurrile wäre bei ihm, dass er in ein Land kommen würde, das er gar nicht kennt: Seine Eltern flüchteten von Afgha­nistan in den Iran, wo er auf die Welt kam. Von dort ging es für ihn 2015 nach Europa.

Auch Sartila fühlt sich in Hall wohl. Er wohnt in einer Wohngemeinschaft mit elf Leuten. Ein bunt gemischter Haufen: Neben Gambiern, Syrern und Afghanen leben auch Deutsche in der WG. „Durch die Mischung müssen wir deutsch sprechen. Das hilft viel“, sagt Sartila. Regelmäßig tritt er bei Poetry Slams auf – auf deutsch natürlich.

Bei der Arbeit ist er nach anfänglichen Problemen mittlerweile angekommen. Ein Arbeitskollege habe ihn am Anfang nicht ganz akzeptiert. Doch durch seine offene und humorvolle Art, die er auch bei der Fragerunde im „Welcome“ zeigte, habe er dem Kollegen bewiesen, dass er „voll in Ordnung“ sei. „Jetzt haben wir Spaß zusammen.“

Eltern müssen zahlen

Neben Geschichten aus ihrem Leben beantworteten die beiden auch Fragen zu den Unterschieden in Sachen Liebesbeziehung in Deutschland und Afghanistan, die im Film „Hier und dort“ thematisiert wurden. „Wenn ein Junge heiraten will, muss er in Afghanistan erst die Eltern des Mädchens fragen“, erklärt Sartila. Dann werde verhandelt und die Eltern des Jungen müssen zahlen. „Daher muss man erst Geld sparen, bevor geheiratet werden kann.“

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