Fichtenau Zurück mit einem Lächeln im Gesicht

Einmal im Jahr feiern die drei Unterdeufstettener Einrichtungen St. Raphael, Oberlinschule und Christoph-von-Pfeil-Schule ihren gemeinsamen Nachmittag. Er stand in diesem Jahr unter dem Motto „Weltmeisterschaft“.
Einmal im Jahr feiern die drei Unterdeufstettener Einrichtungen St. Raphael, Oberlinschule und Christoph-von-Pfeil-Schule ihren gemeinsamen Nachmittag. Er stand in diesem Jahr unter dem Motto „Weltmeisterschaft“. © Foto: Ute Schäfer
Fichtenau / Ute Schäfer 28.06.2018
Am Sonntag, 1. Juli, wird in Unterdeufstetten kräftig gefeiert. Stefan Reuter, Leiter der St. Raphael Kinder- und Jugendhilfe, wird dann die Probleme um die Wohnungsnot kurz vergessen können.

Beim Sommerfest vor einigen Jahren ist eine junge Frau gekommen, mit Kinderwagen und einem breiten Grinsen im Gesicht“, erzählt Stefan Reuter, Leiter der St. Raphael Kinder- und Jugendhilfe Unterdeufstetten. „Wir erkannten sie erst nicht. Aber dann gab sie sich zu erkennen. Es war eine Ehemalige, zu der wir den Kontakt verloren hatten“, erzählt er. „Sie hatte es nicht leicht, nachdem sie uns verlassen hat.“ Aber sie habe sich dann der Werkzeuge besonnen, die sie in St. Raphael mit auf den Weg bekommen hat. Und alles ging gut: „Heute hat sie einen Partner, Kinder, ist Erzieherin, sogar Gruppenleiterin in einem Kindergarten. Und eine zufriedene Frau“, sagt Reuter und kann nun selber ein Grinsen kaum verbergen.

Die Kinder, die in den Wohngruppen von St. Raphael leben, oder auch die, die „nur“ in den ambulanten Einrichtungen betreut werden, bezeichnet Reuter als „benachteiligt“, denn sie hatten schlechtere Startchancen als andere. Sei es, weil ein Elternteil süchtig oder psychisch krank ist. Sei es, weil sie in der Familie andere Krisen erlebten und deshalb nicht mehr dort leben können. Manchmal geht es dabei auch um Gewalt oder Missbrauch.

Bei St. Raphael bekommen diese Kinder und Jugendlichen dann eine Heimat auf Zeit – entweder in Wohngruppen direkt in Unterdeufstetten oder in Crailsheim oder Schwäbisch Hall. Dort leben sie mit einem Betreuerteam so familienähnlich wie möglich.

St. Raphael hat auch ambulante Angebote: An vier Standorten gibt es „Flexible Hilfen“, die mit ihrer Nachmittagsbetreuung intensive sozialpädagogische Förderung leisten. Die Schulbegleitung für Kinder mit Autismus und anderen seelischen Beeinträchtigungen ist seit 2014 ein neues Standbein. All das zusammengerechnet kommt Reuter für St. Raphael auf bis zu 110 Kinder und Jugendliche und deren Familien, die 95 Mitarbeiter betreuen.

„Natürlich gibt es für jedes einzelne Kind einen Hilfeplan und Ziele, die regelmäßig besprochen und angepasst werden“, erklärt Reuter. Die Ziele sind konkret und positiv formuliert. Sie lauten etwa: „Ich komme pünktlich.“ Oder: „Ich mache meine Hausaufgaben regelmäßig“, oder was halt gerade ansteht. Fernziele gibt es auch. Das ist oft die Rückkehr in die Familie. „Klassischerweise sind die Jugendlichen eineinhalb bis zwei Jahre bei uns. Danach können sie oft nach Hause zurück. Wenn aber eine Rückkehr in die Herkunftsfamilie nicht möglich ist, dann lautet das Fernziel „Verselbstständigung“. Bereits in den Wohngruppen wird täglich darauf hingearbeitet: Die Jugendlichen haben Haushaltsdienste, müssen zum Einkaufen, kochen – eben all das, was zum selbstständigen Leben gehört.

Sind die jungen Menschen reif genug, kümmert sich die Abteilung Betreutes Jugendwohnen um die Begleitung. Dann geht es vor allem um selbstständiges Wohnen, um die Absicherung des Lebensunterhalts oder den Umgang mit Behörden. „Sind die Jugendlichen erwachsen, haben sie oft niemanden, der ihnen hilft. Es gibt ja oft keine Familie, die man mal fragen kann.“ Deshalb ist es Reuter wichtig, die Absolventen in eine sichere Umgebung zu entlassen. In ein Ausbildungsverhältnis zum Beispiel, und in eine eigene Wohnung.

Doch genau das bereitet Reuter Sorgen. „Selbst wenn die Jugendlichen Ausbildungsplätze haben, finden wir oft keine passenden Wohnungen für sie. Wir möchten deshalb an alle appellieren, uns Wohnraum zur Verfügung zu stellen.“ Dabei würde St. Raphael sogar als Mieter auftreten, sagt Reuter, denn die Zeit drängt: „Wir haben gerade vier junge Erwachsene, die reif sind fürs Ausziehen. Und andere stehen in den Startlöchern. Aber wir finden keine Wohnungen.“

Mittlerweile übernimmt St. Raphael in Einzelfällen sogar den Teil der Miete, der vom Amt nicht übernommen werden kann. „Wir haben zum Glück Sponsoren, die diesen Weg mitgehen.“ Doch auch die Möglichkeit, eine teurere Wohnung zu mieten, hilft oft nicht. Die Wohnungsnot ist inzwischen so groß, dass man überlege, Wohnungen zu kaufen oder zu bauen. „Aber das bindet Personal und Finanzen und ist eigentlich nicht unser Kerngeschäft.“

Doch am ersten Juliwochenende will Reuter diese Probleme vergessen. Denn da lädt die Einrichtung traditionell zum Sommerfest – mit Festgottesdienst, Festzelt und vielen Festgästen. Und natürlich hofft Reuter auch in diesem Jahr auf viele Ehemalige mit einem dicken Grinsen im Gesicht.

Geschichte, Sommerfest und Wohnungsnot

Die St. Raphael Kinder- und Jugendhilfe unterscheidet sich in ihrer Geschichte von klassischen „Waisenhäusern“, denn das Heim war nicht für Waisen. 1889 gründete es ein Unterdeufstettener Pfarrer für die Kinder der reisenden Händler, damit diese auch während der Reisezeit der Eltern in Unterdeufstetten in die Schule gehen können. Weil die Eltern im Herbst um den St.-Raphael-Tag zurückkamen und das außerdem der Heilige der Reisenden ist, lag der Name St. Raphael damals auf der Hand. In Matzenbach übrigens gab es mit dem Franziskus-Heim eine ähnliche Institution. Das Matzenbacher Heim wurde in den 1970er-Jahren aufgelöst.

Sommerfest Das Begegnungsfest, zu dem Ehemalige, Freunde, Sponsoren und überhaupt die gesamte Bevölkerung eingeladen ist, startet am 1. Juli um 10 Uhr mit einem Gottesdienst in der katholischen Kirche Unterdeufstetten.

Wohnungsnot Wer von einer Wohnung weiß, die Betreute von St. Raphael mieten könnten, oder wer an St. Raphael direkt vermieten will, kann sich hier melden: Telefon 0 79 62 / 71 28 40 oder info@straphael.de.

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