Sommerserie: Autobahn 6 Zur Ruhe verdonnert: Gefangen auf dem Rasthof

Zum Warten verdammt: An den Wochenenden sind die Parkplätze der Rasthöfe gefüllt. Die Fahrer müssen mindestens 45 Stunden Pause machen.
Zum Warten verdammt: An den Wochenenden sind die Parkplätze der Rasthöfe gefüllt. Die Fahrer müssen mindestens 45 Stunden Pause machen. © Foto: Johannes Ihle
Landkreis Hall / Johannes Ihle 22.08.2018
Sie gelten als Kapitäne der Straßen. Doch am Wochenende stehen alle ihre Räder still. Das Gesetz verdammt die Lkw-Fahrer auf dem Eurorastpark in Satteldorf zu einer Pause.

Sonntags wird selbst gekocht. Nikolai Ivanov und Nikola Nerisuv sitzen auf der Ladefläche von Ivanovs Sattelzug und bereiten ihr Mittagsessen zu. Während Ivanov Kartoffeln in kleine Stücke schneidet, kümmert sich Nerisuv um die scharfe Salami, die kurz darauf im Topf auf einem Gasbrenner landet. „Heute gibt es bulgarischen Eintopf“, sagt der 52-jährige Ivanov in gut verständlichem Englisch. Die beiden Bulgaren sind Fernfahrer und waren zuletzt vor zwei beziehungsweise drei Wochen in ihrer Heimat und bei ihren Familien.

Seit Samstag stehen die beiden mit ihren Sattelzügen auf dem Rasthof in Satteldorf und warten auf den Montagmorgen – bis sie nach einer 45-stündigen Pause wieder weiterfahren dürfen. Denn diese Ruhezeit müssen sie nach sechs Tagen Fahrt einhalten.

Zudem gilt an Sonn- und Feiertagen ein Fahrverbot, das besagt, dass Lastwagen mit mehr als 7,5 Tonnen und Lastwagen mit Anhänger von 0 bis 22 Uhr nicht fahren dürfen. Ausgenommen davon sind Lastwagen, die verderbliche Waren wie frische Molkereiprodukte, Obst, Fleisch oder Fisch transportieren.

„Ich freue mich, Nikola wiederzusehen“, sagt sein Fast-Namensvetter Nikolai. Alle paar Wochen treffen sie sich in Satteldorf. Die beiden fahren für die selbe Firma. Am Montagmorgen befördern sie ihre Riesen zu einem Crailsheimer Unternehmen und laden auf, ehe sich ihre Wege wieder trennen und sie quer durch Europa fahren. Am kommenden Wochenende geht es für beide wieder nach Hause zur Familie in Bulgarien – für eine Woche.

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Und wie vertreiben sie sich die fast zweitägige Pause auf dem Rasthof? „Wir machen eigentlich nicht viel“, sagt Ivanov. „Samstags kaufen wir unsere Vorräte für die kommende Woche ein. Sonst sitzen wir hier herum, kochen gemeinsam, spielen Karten und ruhen uns aus, ehe es am Montag weitergeht.“

Eigentlich müssten sich die beiden zum Schlafen von ihren Fahrerkabinen fernhalten. Denn die Ruhezeit darf nicht im Fahrzeug verbracht werden. Das hat der Europäische Gerichtshof Ende des vergangenen Jahres entschieden, um die Arbeitsbedingungen der Fahrer zu verbessern. Aber: „Oft sind die Hotels an den Autobahnen schon ausgebucht oder auch einfach zu teuer“, sagt Ivanov, ehe er sich eine Zigarette anzündet. Wie viel Geld am Ende des Monats auf ihre Konten fließt, wollen sie nicht verraten.

Die Kennzeichen der großen Brummis sagen nichts aus über die Herkunft ihrer Fahrer – so wie bei George, Mihai, Valentin und Manole, die zwischen zwei Lastwagen sitzen. Die Sattelzüge der vier Rumänen sind vollgeladen mit Autos, die sie von Tschechien nach Frankreich fahren. Ihr Kennzeichen stammt aus Österreich. Auch sie sind zum Warten verdammt. „Es ist schon gut nach dem vielen Fahren unter der Woche eine Pause zu machen. Aber am liebsten wollen wir eigentlich daheim sein“, sagt der 28-jährige George. Frei bewegen können sie sich nicht. „Von uns müssen immer mindestens zwei bei den Lastwagen bleiben und aufpassen“, erzählt der 32-jährige Mihai. Auch sie müssen sich die Zeit irgendwie vertreiben.

Und das tun die vier mit Sport. Während die beiden älteren Bulgaren eher dem klassischen Trucker-Fahrer-Bild entsprechen und etwas mehr um die Hüften spazieren tragen, sind drei der vier Rumänen schlank. „Wir machen gemeinsam Fitnessübungen und halten uns fit. Das ist in unserem Beruf wichtig“, sagt George. Abends schauen sie gemeinsam Filme oder sprechen über ihre Heimat Rumänien und ihre Familien, die sie vermissen. Alle vier haben Frau und Kinder zu Hause. „In Westeuropa verdienen wir aber deutlich mehr Geld“, sagt George, ohne genaue Zahlen zu nennen.

Fünf Parkbuchten weiter gibt es bei Milan und Nenad aus Serbien einen leckeren Filter-Kaffee. Die beiden haben gute Laune. „Das Wetter ist super und wir haben frei“, sagt Milan und lacht. Da ihre Anhänger leer sind, können sie sich frei bewegen. „Gestern waren wir im Freibad in Satteldorf“, erzählt Milan. Den Serben macht es kaum etwas aus, so weit von der Heimat entfernt zu sein, und sie sehen die Vorteile ihres Berufs. „Wir sehen fast jeden Tag eine andere Stadt.“ Das habe man in keinem anderen Beruf.

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