Gemeindejubiläum Zum Auftakt geht’s ganz weit zurück

Lothar Schwandt erzählt anschaulich davon, was Wallhausen 875 Jahre lang geprägt und verändert hat.
Lothar Schwandt erzählt anschaulich davon, was Wallhausen 875 Jahre lang geprägt und verändert hat. © Foto: Gemeinde Wallhausen
Wallhausen / Birgit Trinkle 12.06.2018

Wo anfangen, wo aufhören bei 875 Jahren Geschichte? Lokalhistoriker Lothar Schwandt hat sich beim heimatgeschichtlichen Abend im Kulturhaus auf die Anfänge und ausgewählte Ereignisse im Hauptort Wallhausen beschränkt, um den Rahmen eines Vortragsabends nicht zu sprengen. Außerdem sprach er nicht vor Fachpublikum, sondern vor interessierten Laien, denen er ein Gefühl geben wollte für ihre Vorfahren und den Ort, den sie Daheim nennen.

Finanzminister der Staufer

In diesem Vortrag taucht natürlich der Ortsadel der „Herren von Wallhausen“ auf, der in Wallhausen genauer datiert werden kann als in allen anderen Orten. 1143, also vor 875 Jahren, wird in einer Urkunde die Pfarrei „Walehusen“ erwähnt, im selben Jahr ein Konrad von Wallhausen als Kämmerer der Staufen, mithin  Chef der Finanzverwaltung, was Wallhausen mit der ganz großen europäischen Geschichte in Verbindung bringt.

Für die Annahme, dass ein Herrenhof oder gar eine Burg etwa 100 Meter westlich der Kirche stand, dort, wo bis 1966 der Götz Dürr’sche Doppelhof stand und heute Post und Jugendhaus zu finden sind, hat Schwandt überzeugende Argumente. In der Folge widmet er sich den wechselnden Besitzverhältnissen, etwa den Häusern Hohenlohe, Nürnberg und Ansbach, aber auch den Verbindungen zum Wallfahrtsort Anhausen mit seiner spannenden Geschichte oder dem Bauernkrieg mit den wichtigsten handelnden Personen.

Der Dreißigjährige Krieg, die Pest und unsägliches, Generationen umspannendes Leid können in diesem Streifzug durch die Geschichte Wallhausens nicht mehr sein als eine dunkle Randnotiz, ebenso die alte Dorfordnung von 1680, die das Zusammenleben in einem nun wieder kräftig wachsenden Ort festschreibt.

Chronisten ihrer Zeit

Lothar Schwandt macht deutlich, dass seine Arbeit nur möglich war und ist, weil immer schon Menschen wie er zu Chronisten ihrer Zeit wurden. Pfarrern, Lehrern und Bürgermeistern, namentlich vor allem dem früheren Schulleiter und Ortschronisten Otto Ströbel sei es zu verdanken, dass so viel bekannt ist über Wallhausens Geschichte. Nicht nur Namen und Zahlen können so an kommende Generationen weitergegeben werden, sondern auch Verfehlungen, etwa eines unverheirateten jungen Paares, das nach altem Gesetz abgestraft und zwangsweise verheiratet werden muss. Dank der Kartoffel wird im 18. Jahrhundert die strenge Ordnung der Dreifelderwirtschaft durchbrochen; an den steinernen Brücken in Wallhausens Mitte – die damals noch vom Dorfsee und einer Mahlmühle geprägt ist – wird eine Zollstelle eingerichtet.

1818 hat Wallhausen 395 Einwohner, der Ort wächst sehr langsam, was Krankheiten wie Scharlach und Ruhr, den Pocken und den Blattern zuzuschreiben ist: In diesem Jahr wird zum ersten Mal gegen Pocken geimpft.

Vor allem die kleinen Anekdoten machen Schwandts Recherchen unterhaltsam. Etwa wenn  ein Schulprovisor Dinge durch die Gegend wirft und wütet, der Pfarrer habe ihm einen Dreck zu befehlen – und sich dann beim Pfarrer dafür entschuldigen muss.

Unehelich: Die größte Schmach

Vor 150 Jahren ist Wallhausen mitten in der Industrialisierung – unter anderem werden die Hochbauarbeiten an der Eisenbahnstrecke ausgeschrieben. Die Gemeinde hat nun 592 Einwohner, 27 Kinder kommen zur Welt, davon immerhin neun unehelich; in jener Zeit größte Schmach. Ach ja, dem Lehrerorganist fehlt es dem Pfarrer zufolge an Interesse und Eifer. Und die Jungs, die sich in „Gaggstat“ geprügelt haben, werden zu sechs Wochen „Zuchtpolizeistrafe“ verurteilt.

Das schlimme Trockenjahr vor 125 Jahren ist Thema oder auch das letzte Kriegsjahr vor hundert Jahren, in dem die Kupferdrähte der Hochspannungsleitungen ebenso abgegeben werden müssen wie das Fallobst. Beherzt und erfolgreich kämpft Pfarrer Mulot in dieser Zeit für seine Glocken. Schwandt nennt die Toten beider Weltkriege: „Erst 19-jährig muss sein Leben hingeben Otto Hanselmann aus Wallhausen, der älteste Sohn des Landwirts Otto Hanselmann.“ So viel Leid ist über Wallhausen gekommen.

1968 wird durch den Anschluss an die Wasserversorgung Nordost endlich die Wasserknappheit behoben. Gutes und Schlechtes, Dramatisches, Alltägliches geschieht vor 50 Jahren, wie in jedem Jahr. Und so geht es weiter mit den Menschen und mit Wallhausen, das nun im 875. Jahr erfährt, wie sich der Ort entwickelt hat, was ihn ausmacht und wa­rum es sich lohnt, dieses Jubiläum zu feiern.

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