Im März vergangenen Jahres ging die Polizei gegen die türkisch-nationalistische Vereinigung „Osmanen Germania Boxclub“ vor und durchsuchte ­in einer konzertierten Aktion rund 60 Objekte in drei Bundesländern – darunter zwei in Crailsheim und Gerabronn. Die anschließenden Ermittlungen ergaben, dass Zweck und Tätigkeit des Vereins strafbar sind und davon eine Gefährdung für individuelle Rechtsgüter und die Allgemeinheit ausgeht.

Das Bundesinnenministerium sah Verbotstatbestände nach dem Vereinsgesetz verwirklicht und löste den „Osmanen Germania Boxclub“ im Juni auf. Damals existierten in Baden-Württemberg sechs Ortsgruppen, sogenannte Chapter, mit rund 100 Mitgliedern und Unterstützern. Eine Verbotsverfügung wurde dem Präsidenten eines Chapters in Crailsheim ausgehändigt.

Angeklagt ist der ehemalige Osmanen-Präsident

Ein kurioser Fall, der mit diesem Verbotsverfahren allerdings nur am Rande zu tun hat, landet in der vergangenen Woche vor dem Amtsgericht Crailsheim. Angeklagt ist ein 36-Jähriger aus Crailsheim wegen des unerlaubten Besitzes von Dopingmitteln in nicht geringer Menge zum Zwecke des Dopings beim Menschen. Bei dem Angeklagten soll es sich um den ehemaligen Präsidenten des Crailsheimer Chapters handeln. Weil eine Verbindung zum „Osmanen Germania Boxclub“ besteht, herrscht eine hohe Sicherheitsstufe. Es gibt eine Eingangskontrolle, im Erdgeschoss wimmelt es von Polizisten und Justizvollzugsbeamten.

Haustür aufgebrochen

Oben im Sitzungssaal 2160 berichtet ein Beamter des Landeskriminalamtes (LKA) – übrigens der einzige geladene Zeuge – von einer Durchsuchung am 13. März 2018 in Crailsheim in der Wohnung des Angeklagten. Eine Spezialeinheit brach dabei die Haustür auf. „Im Zuge der Durchsuchung wurden im Kühlschrank zwei Dopingsubstanzen gefunden“, so sagt es der Zeuge. Ein Zufallsfund.

Konkret geht es um sechs Fertigspritzen mit Erythropoetin, besser bekannt als Epo, und eine Ampulle mit zehn Millilitern Testosteron, gelagert in der Tür. Auf den Spritzen steht das Mindesthaltbarkeitsdatum April 2014. Die Ampulle ist verschlossen und noch nicht abgelaufen. „Wussten Sie, was Sie da vor sich haben?“, will Richterin Uta Herrmann wissen. „Natürlich war es uns bewusst“, sagt der Mann vom LKA, wegen der Ermittlungen und nicht zuletzt wegen der Beschriftungen. Die Analyse des Wirkstoffgehalts ergibt später, dass sich der Kühlschrank-Fund in der Kategorie „nicht geringe Menge“ bewegt, der Grenzwert ist um fast das Dreifache überschritten.

Der Angeklagte habe sich während der Durchsuchung „ruhig, kooperativ“ verhalten, sagt der Ermittler. Aber: „Er wollte sich nicht zu den Funden äußern.“ Nach Erkenntnissen des LKA betreibt der 36-Jährige regelmäßig Kraftsport, zudem nimmt er an sportlichen Wettbewerben teil. In der Wohnung finden die Beamten eine Sporttasche mit Boxhandschuhen.

Angaben zur Person und zur Sache will der Angeklagte zunächst nicht machen. „Was ist besser für mich?“, stellt er fragend in den Raum. „Ich bin nicht Ihr Anwalt“, entgegnet die Richterin. Der Anwalt, der ihm zu etwas raten könnte, fehlt. Den spart sich der Angeklagte.

Vier Einträge im Strafregister

Im Bundeszentralregister finden sich vier Einträge unter seinem Namen: Betrug (2009), Betrug (2011), gemeinschaftlich versuchter Betrug (2011) sowie gefährliche Körperverletzung, Nötigung und Sachbeschädigung (2016). Im letzten Fall geht die Richterin etwas ins Detail: Faustschlag ins Gesicht, Schlag mit Baseballschläger gegen Ellenbogen, Mobiltelefon kaputt. Täter und Opfer hätten sich „inzwischen ausgesprochen“.

Zurück ins Jahr 2019. Für den Ersten Staatsanwalt Carsten Horn ist die Sache klar: Dopingmittel gefunden, Dopingmittel besessen – und deswegen ein Verstoß gegen das Anti-Doping-Gesetz. Für ihn gibt es „keine andere sinnvolle Erklärung“. Horn plädiert für eine Geldstrafe in Höhe von 40 Tagessätzen à zehn Euro. Das letzte Wort hat der Angeklagte, genau genommen sind es drei: „Ist alles okay.“

Stuttgart-Stammheim

Teileinlassung tröpfchenweise

In ihrem Urteil, das noch nicht rechtskräftig ist, folgt Richterin Uta Herrmann dem Antrag der Staatsanwaltschaft und verhängt eine Gesamtgeldstrafe von 400 Euro. Außerdem trägt der Angeklagte die Kosten des Verfahrens. Es würde reichen, dass man die gefundenen Doping­substanzen im Freizeit- und Breitensport einsetze und an sich ­selber anwende, betont Herrmann. Der Angeklagte sei zwar „erheblich vorbestraft, aber nicht einschlägig“. Strafmildernd berücksichtigt sie dessen „Teileinlassung“, die erfolgt sei, allerdings nur „tröpfchenweise“.

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