Kurt Schary stand am 18. April mit der Kamera bewaffnet am Bahnhof in Eckartshausen und wartete auf das historische Ereignis. Erstmals sollten auf der Murrbahn zwischen Crailsheim und Hessental Triebwagen fahren. Der Regionalexpress (RE) 90 verbindet Stuttgart und Nürnberg.

Wobei für Schary als Eisen­bahn­enthusiasten nicht der Umstand wichtig war, dass der Betreiber Go Ahead neue Elektrotriebwagen auf die Strecke schickte. Dass es überhaupt Triebwagen waren, war für ihn das Thema des Tages. „Jetzt fahren keine Loks mit Wagen mehr auf der Strecke“, bedauert er. Triebwagen sind Wagen, die sich selbst antreiben und in denen der Fahrer vorne in einer abgetrennten Kabine sitzt.

„Auf das Nostalgische fixiert“

Viele Eisenbahnfreunde mögen Loks mit Wagen lieber. „Triebwagen sehen einfach nicht so schön aus wie ein Zug mit Lok und Wagen“, sagt Schary. Eisenbahn­freaks seien „auf das Alte, das Nostalgische fixiert“, deshalb blicken sie den Loks auf der Strecke ein wenig wehmütig nach. Denn eines sei klar: „Es ist der Abschied der E-Lok auf der Strecke.“

Die neuen Triebwagen warten mit den baden-württembergischen Landesfarben Schwarz und Gelb auf. Und Nostalgie hin oder her: Fotografiert hat Schary die Wagen natürlich: „Wir wollen das ja für die Eisenbahnfreunde dokumentieren. Und für die Nachwelt.“ Die Eisenbahnfans tauschen sich in Foren aus. Daher wusste er auch, dass die neuen Wagen schon in Nürnberg auf ihren Einsatz gewartet haben und auch immer wieder testweise auf der Strecke unterwegs waren. „Da beobachtet halt mal einer was und stellt es ins Netz.“

Flirt-XL heißen diese neuen Wagen, teilt die Pressesprecherin des Betreibers Go Ahead, Daniela Birnbaum, mit. Der RE 90 auf der Murrbahn werde inzischen komplett mit diesen barrierefreien Nutzfahrzeugen bedient. Und weiter: „Der erste Flirt-XL im Echtbetrieb fuhr bereits am 7. April zwischen Ansbach und Crailsheim, Zugnummer 88656. Fünf Fahrgäste durften wir befördern.“

Go Ahead machte kein großes Aufheben um diesen Termin. „Weil die Strecke im April großen Einschränkungen wegen Weichen- und Gleisarbeiten in Gaildorf unterworfen ist, verzichteten wir darauf, öffentlich auf den Start der Flirt-XL hinzuweisen.“ Die Murrbahn war vom 6. bis 28. April zwischen Murrhardt und Schwäbisch Hall-Hessental komplett gesperrt.

Triebwagen wurden nicht pünktlich geliefert

Und überhaupt hätten die Wagen schon seit dem Fahrplanwechsel im Dezember fahren sollen, berichtet Schary. Doch der Fahrzeughersteller Stadler Pankow hätte die Triebwagen nicht rechtzeitig liefern können. Deshalb schickte das Unternehmen Go Ahead, das die Strecke seit Dezember bedient, ersatzweise alte, auch Silberlinge genannte, Waggons auf die Strecke.

Die neuen Wagen sollten übrigens komplett barrierefrei sein – das sind sie auch. Wollen die Fahrgäste sie betreten, müssen sie keine Stufen erklimmen, wie in den alten Eisenbahnwaggons. Damit das klappt, seien im Vorfeld der Umstellung die Bahnsteige in Eckartshausen erhöht worden, teilt Kurt Schary weiter mit. Als nun allerdings der neue Triebwagen anrollte, war die Enttäuschung groß: Zwischen Bahnsteig und Bahn gibt es noch immer einen Höhenunterschied, meldet Schary: „Mindestens 15 Zentimeter. Barrierefrei ist das nicht.“ Streckenbetreiber Go Ahead nimmt dazu keine Stellung. Pressesprecherin Birnbaum: „Zur Infrastruktur, auch auf Bahnhöfen, können wir als Streckenbetreiber leider nichts sagen.“

Die Schienen gehören der Netze BW


Die Deutsche Bahn hat früher die Strecken komplett betrieben. Das ist heute anders: Das Land hat seiner Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg den Auftrag gegeben, den Verkehr auf der Schiene zu regeln. Diese wiederum hat Go Ahead die Beförderung auf der Murrbahn zugeschlagen. Dafür schlossen beide einen Verkehrsvertrag miteinander ab. Der Streckenbetreiber, dessen Hauptsitz in England liegt, darf seither auf der Murrbahn die Züge rollen lassen.

Die Gleise allerdings, auf denen sie rollen, waren nicht Teil des Vertrags. Sie gehören einer weiteren Organisation – der DB-Netze, mit der Go Ahead einen entsprechenden Nutzungsvertrag abgeschlossen hat.

Und nicht einmal die neuen Wagen, mit denen Go Ahead die Passagiere befördert, gehören der britischen Firma. Sie pachtet sie von einem weiteren Unternehmen: der Landesanstalt Schienenfahrzeuge, die die Triebwagen beim Fahrzeughersteller Stadler Pankow gekauft hat. Das hat folgenden Hintergund: Wenn der Vertrag mit Go Ahead nicht verlängert wird, bleiben die Fahrzeuge im Wortsinn auf der Strecke und ein neuer Betreiber kann sie nutzen.

Der Vertrag zur Beförderung auf der Murrbahn zwischen der Nahverkehrsgesellschaft und Go Ahead wurde 2017 geschlossen. Er gilt seit Dezember 2019 und noch bis Dezember 2032. uts