Auf dem 10. Längengrad Schule mit einer Million Abgängern

Inmitten von Fichten: Karin und Peter Steinbach führen die Forstbaumschule auf dem Schuckhof.
Inmitten von Fichten: Karin und Peter Steinbach führen die Forstbaumschule auf dem Schuckhof. © Foto: XXX
Harald Zigan 25.08.2017
Der Schuckhof bei Blaufelden entstand ab 1948 auf fürstlichem Grund und Boden – die Familie Steinbach nutzte die Chance als „Pionier“ auf einem gerodeten Land.

In dieser Schule herrscht eiserne Disziplin: Alle Zöglinge stehen Tag und Nacht in Reih‘ und Glied, ein Entkommen gibt es nicht. Die einzelnen Klassen tragen zur besseren Unterscheidung fünfstellige Nummern. Das einzige Unterrichtsfach heißt „Wachstum“– und jedes Jahr verlassen sage und schreibe eine Million Absolventen mit wohlklingenden Namen wie Prunus Padus oder Sorbus Torminalis die Baumschule von Karin und Peter Steinbach auf dem Schuckhof bei Blaufelden.

Auch die schmucken Traubenkirschen und die edlen Elsbeeren wachsen auf den rund 30 Hektar großen Feldern der Baumschule zu kräftigen Jungbäumchen heran – in trauter Eintracht mit den weitaus häufiger vertretenen „Klassikern“ namens Fichte, Tanne oder Ahorn.

Schwielenfreie Städter

„Schwer im Kommen sind angesichts des Klimawandels die Douglasie und die Eiche“, sagt Peter Steinbach, der seine Kunden in einem Umkreis von rund 150 Kilo­metern auch mit Landschaftsgehölzen und Heckenpflanzen beliefert.

In jüngster Zeit stehen in den Auftragsbüchern der Firma Steinbach verstärkt Dienstleistungen wie Zaunbau oder Kulturpflege: Nicht jeder schwielenfreie Stadtmensch mag zum Freizeit-Holzfäller mit Motorsäge mutieren, wenn er ein Stück Wald vom hohenlohischen Opa geerbt hat.

Den Grundstein für die Forstbaumschule auf dem Schuckhof legte der Großvater Friedrich Steinbach: Der frühere Förster in Schrozberg nutzte nach dem Zweiten Weltkrieg eine einmalige Chance, als von der US-Militärregierung das „Gesetz zur Beschaffung von Siedlungsland und zur Bodenreform“ erlassen wurde und jeder Grundbesitzer mit einer Fläche von über 100 Hektar zur Abgabe von Land gegen eine schmale Entschädigung verpflichtet wurde.

Landverlust für den Fürsten

Zu diesem vermögenden Kreis der Großgrundbesitzer zählte auch August Fürst zu Hohenlohe-Öhringen: Er musste im Jahr 1948 ein rund 120 Hektar großes, zu zwei Dritteln aus Wald bestehendes ­Areal zwischen Brettenfeld und Blaufelden herausrücken, das von der württembergischen Landsiedlung in mühevoller Arbeit in Ackerland verwandelt wurde – als erdige Grundlage vor allem für die Ansiedlung von Landwirten, die der Zweite Weltkrieg und seine Folgen von ihrer Scholle in den Ostgebieten vertrieben hatte.

Die Landsiedlung entwarf auch einen unverkennbaren Typus von Bauernhöfen mit angebautem Stall, Tenne und weit vorgezogenem Vordach – ein gut durchdachtes Modellprojekt.

Die Familie Renner war dort schon seit 1948 mit einer kleinen Wirtschaft am Grettenbach vertreten, die für die Grundversorgung der zahlreichen Rodungsarbeiter sorgte und als beliebtes Ausflugslokal mit „Tanzboden“ auch die neugierigen Besucher der „Großbaustelle“ bewirtete. Zug um Zug konnten dann bis 1952 die Familien Born, Sonnek, Strehle und Stülpner als „Pioniere“ auf dem urbar gemachten Land ihre neuen Hofstellen beziehen.

Und Friedrich Steinbach gruppierte um den kleinen Pflanzgarten des Öhringer Fürsten ab Juli 1950 nach und nach eine veritable Baumschule, die 1969 von seinem Sohn Hermann und dessen Ehefrau Hannelore übernommen wurde und seit 2010 von ihren Kindern Peter und Karin Steinbach in der dritten Generation geführt wird.

Ein uralter Vorgänger

Ein unbeschriebenes Blatt in der hohenlohischen Geschichtsschreibung war die neue Bauernsiedlung freilich nicht: Schon anno 1434 wird ein dortiges Anwesen namens „Schuhkauf zu Tifental“ erstmals urkundlich erwähnt – wobei die Bezeichnung nichts mit Fußbekleidung, sondern mit „Schuck“ zu tun hat, was „Heuhaufen“ bedeutet.

Die neuen Bewohner übernahmen den alten Namen, der auf den Flurkarten überlebt hatte. Und ein jahrelanger Disput um die Frage, zu welcher Kommune der Schuckhof mit seinen Feldern sowohl auf der Gemarkung Blaufelden als auch auf dem Gebiet von Rot am See nun gehören soll, wurde 1955 streng demokratisch entschieden: Die Schuckhofer votierten einstimmig für Blaufelden.

Und dass das Öhringer Fürstenhaus den Landverlust des Jahres 1948 ohne Groll verschmerzt hat, kann wiederum Peter Steinbach bestätigen: „Wir haben heute noch gute Geschäftsbeziehungen zueinander.“