Sommerserie: Autobahn 6 Stau - nichts geht mehr

Satteldorf / Jens Sitarek 05.09.2018
Lkw-Fahrer Holger Spiek fährt seit 26 Jahren auf der Autobahn 6 und meint, mittlerweile führten Verkehrsaufkommen und Baustellen zu fast unhaltbaren Zuständen.

Es gibt Momente im Leben eines Truckers, die muss man nicht haben. Wie damals, als der Lkw hinter ihm praktisch ungebremst in seinen Laster reingerauscht ist und er eingeklemmt war. Das war an einem Donnerstag bei Dresden, er wurde behandelt, heimgebracht und saß am Montag wieder am Steuer. Er hat Familie und Verantwortung, und überhaupt: Jeder gestürzte Reiter weiß, dass man am besten sofort wieder aufsitzt. Holger Spiek überlegt: 15 Jahre ist das jetzt her, aber noch immer sind ihm die Alpträume, die er nach diesem Unfall hatte, in unguter Erinnerung.

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Er hat immer gewusst, dass ein Leben als Berufskraftfahrer auch Schattenseiten hat. Aber es war sein Traumberuf. Seit er denken kann, wollte er mit einem großen Sattelschlepper über Land fahren. Er seufzt. Es hat sich so vieles verändert, seit er in halb Europa unterwegs war, in Frankreich, Dänemark, Polen. Und damit meint er nicht, dass er jetzt nur noch Deutschlands Straßen abfährt. Bereits vor fünf Jahren ist er fast ausschließlich seine jetzige Strecke von Nürnberg nach Regensburg gefahren, aber sogar damals hatte er noch weitgehend freie Fahrt. In diesen fünf Jahren hat sich der Verkehr bestimmt verdreifacht“, sagt er, eine Fahrt, auf der er nicht irgendwo auf der A 6 oder der A 3 steht, die gibt es praktisch nicht mehr: Der ADAC meldet tatsächlich jedes Jahr auch auf der A 6 mehr Verkehrsaufkommen und einen höheren Anteil des Schwerlastverkehrs. Das statistische Bundesamt weist generell wieder eine Zunahme der Verkehrsunfälle aus. Auch das trägt zum Stau bei.

Theorie und Praxis

Was Stauforscher wie Prof. Dr. Michael Schreckenberg von der Uni Duisburg-Essen in der Theorie erarbeiten – wie viel Stress Stau macht etwa, oder dass ständiges Spurwechseln im Stau nicht nur nervig ist, sondern auch keinen Vorteil bringt  – Spiek hat es in der Praxis vieltausendfach erfahren.

Manchmal wird er gewarnt: Ab vier Kilometer Stau nimmt er dann die Bundesstraße, aber oft kann er nicht mehr reagieren. Wird bei Schwabach ein Stau gemeldet, steht er, wenn er da endlich ankommt, garantiert doppelt so lange wie angekündigt. Steht und hört Radio, telefoniert mit Kollegen und schaut auf die Uhr. Immer und immer wieder. Für seine 167 Kilometer braucht er zwei Stunden und fünf Minuten. Eigentlich. Oft ist er dreieinhalb, vier Stunden unterwegs. Was das mit seinem straffen Zeitplan macht – 10.30 Uhr in Kallmünz bei Regensburg, 13 Uhr im mittelfränkischen Kalch­reuth, 15 Uhr in Crailsheim – lässt sich denken. „Es macht keinen Spaß mehr“, sagt der 54-jährige Crailsheimer, und dass er keinen Kollegen kennt, der das anders sieht.

„Viel zu viel Verkehr“

Die Arbeit ist einfacher geworden. Heute hält sein Truck von selbst Abstand und bremst auch eigenständig, wenn sich der Verkehr vor ihm plötzlich staut – Spiek muss vor allem aufpassen, dass ihm keiner reinfährt. Er hat jetzt auch eine Kamera an der Frontscheibe installiert, weil er immer wieder geschnitten wird und sich absichern will, für den Fall, dass bei einer erzwungenen Vollbremsung Ladung beschädigt wird – wenn er Gussteile fährt, ist ganz schön Gewicht im Spiel. Aber einfacher ist nicht zwangsläufig gut. Nicht wenn er so oft steht, so wenig fährt. Stunde um Stunde im Stau ist vergeudete Lebenszeit, und bei derzeit acht Baustellen auf seinen 167 Kilometern wird’s so bald  nicht besser. Holger Spiek hat es so satt. Lieber fährt er bei Wendelstein ab und nimmt einen Umweg in Kauf, weil die Brücke bei Parsberg zu niedrig ist: „Alles ist besser als im Stau zu stehen.“

Die Autobahn 6 wird derzeit zwischen dem Weinsberger Kreuz und Wiesloch/Rauenberg auf sechs Spuren ausgebaut, was sie in der ADAC-­Bilanz 2017 in diesem Bereich zu ­einer der am stärksten vom Stau ­geplagen Straßen Deutschlands macht. Das verheißt nichts Gutes für den auch in Hohenlohe geplanten Ausbau.

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