Sommerserie: Autobahn 6 Viel Licht, viel Schatten

Satteldorf / Birgit Trinkle 31.08.2018
Satteldorf hat eine eigene Zeitrechnung – vor und nach der Autobahn. Vorher gab’s 400 Arbeitsplätze, heute über 3300.

Was vor 40 Jahren akzeptabel war, kann heute unzumutbar und grundsätzlich in Frage gestellt sein. Wenn Bürgermeister Kurt Wackler (kleines Foto) über die Auswirkungen der Autobahn auf seine Gemeinde spricht, fällt neben dem Wort „Entwicklungschance“ immer wieder auch das Wort „Malus“. Das ist etwas Schlechtes. Bei allem, was gut läuft, dank der A 6: Die Kehrseite bringt ziemliche Belastungen mit sich. Satteldorf hat früh erkannt, dass der Autobahnbau eine Riesenchance ist. Die Bereitstellung der Flächen und die grundlegende Neuordnung der Fluren konnte friedvoll und ohne Widersprüche abgeschlossen werden, so wird aus der Teilnehmergemeinschaft berichtet. Wenn es um den sechsspurigen Ausbau samt damit verbundenem Lärmschutz geht, werden wieder 20 bis 25 Hektar Land benötigt, was sicherlich nicht so einfach sein wird.

7,5 Kilometer Autobahn

In den 70ern war Satteldorf ein Ort der Landwirte und Handwerker; sonst gab es nur die Gipsfabrik Frisalit, zudem Heumann, Feldner, Schön & Hippelein und Schöllmann, die Kalkstein abbauten. Bürgermeister Hermann Hommel und der Gemeinderat kämpften in der Verwaltungsgemeinschaft Crailsheim hart um ein Industriegebiet, das Satteldorf grundlegend verändern sollte. Die A 6 hat der Gemeinde dann die Tür ins 21. Jahrhundert aufgestoßen; die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze stieg in nie für möglich gehaltenem Maß. Über 3300 sind es heute; es gibt mehr Ein- als Auspendler, was für eine Gemeinde dieser Größe bemerkenswert ist. Satteldorf hatte bei der Freigabe der A 6 im Dezember 1979 3850 Einwohner; aktuell sind es 5500, und die Gemeinde ist nicht wiederzuerkennen.

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Das steigende Verkehrsaufkommen auf den 7,5 Kilometern, auf denen die Autobahn die Satteldorfer Markung quert, bringt enorme Lärmbelästigung mit sich, sagt Wackler, „Krach rund um die Uhr, je nach Wind und Wetter mehr oder weniger.“ Dringend müsse mit der anstehenden Erweiterung der Lärmschutz realisiert werden.

Und noch ein Problem sieht der Bürgermeister: Ohne jede Rückhaltung werde das gesamte Oberflächenwasser der A 6 in öffentliche Gewässer eingeleitet, insbesondere in Gronach und Jagst. Und ganz gleich, wie oft er im Regierungspräsidium oder in den Ministerien vorspreche, es ändere sich nichts an der aus seiner Sicht unhaltbaren Situation. Fette, Öle, Reifenabrieb, Bremsbeläge: Das alles werde von der Straße in die Flüsse gespült und bei der Diskussion um die Wasserqualität außen vor gelassen. „Das kann nicht ohne Auswirkungen bleiben“, sagt Wackler: „Wenn ein Landwirt ungeklärtes Wasser irgendwo einleitet, hat er sofort Besuch auf dem Hof; auf der A 6 kümmert sich niemand.“

Was auf der Rechtsgrundlage  der 70er-Jahre gewachsen sei, sei schlicht nicht mehr zeitgemäß. Hier bis zum sechsspurigen Ausbau zu warten, über den diskutiert wird, seit er Bürgermeister ist, halte er für unverantwortlich: „Da muss im Vorgriff etwas geschehen.“ Nicht auszudenken, wenn einem Gefahrguttransporter etwas geschehe und keinerlei Sicherung zwischen der Autobahn und dem Fluss stehe – dagegen könnte die Jagstkatastrophe nach dem Mühlenbrand  in Lobenhausen verblassen. Auch Landrat Gerhard Bauer will sich für das Satteldorfer Anliegen starkmachen.

Es geht weiter

In der Zwischenzeit sind 75 Hektar Gewerbe- und Industriegebiet, die seit 1979 erschlossen wurden, zum größten Teil belegt. Für die anstehende Erweiterung konnte die Gemeinde 80.000 Quadratmeter Land aufkaufen, wofür Wackler Landwirten und anderen Grundstückseigentümern sehr dankbar ist. Dass Satteldorf eine wirtschaftliche Größe ist, mit der gerechnet werden muss, liegt nicht nur an der Autobahn, sondern auch an den Satteldorfern, die hinter ihrer Gemeinde stehen, so Kurt Wackler: „Sie tragen diese positive Entwicklung mit.“

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