Sommerserie: Autobahn 6 Ein Leben mit Lärm

Wohnen und zelten an der Autobahn: Klaus (links) und Monika Schuhmann (rechts), dazwischen Maria Schuhmann und Michael Petritschka mit Tochter Alea
Wohnen und zelten an der Autobahn: Klaus (links) und Monika Schuhmann (rechts), dazwischen Maria Schuhmann und Michael Petritschka mit Tochter Alea © Foto: Jens Sitarek
Satteldorf / Jens Sitarek 29.08.2018
Die Schuhmanns wohnen in Bronnholzheim direkt an der A6, von ihrer Gartenlaube sind es keine 150 Meter. Aber die Autobahn stört sie nicht, sie hören sie ganz einfach nicht mehr.

Es gibt da diesen Witz vom Komiker Otto Waalkes. Er spielt den Enthüllungsreporter Harry Hirsch und ­interviewt Frau Suhrbier. „Frau Suhrbier, Sie wohnen jetzt seit sechs Jahren an der Autobahn. Gibt ­es irgendwelche Folgeschäden?“ Und Frau Suhrbier schüttelt den Kopf: „Nnneeein, nnneeein, nnneeein, nnneeein, nnneeein, nnneeein!“ Monika und Klaus Schuhmann lachen, sie hören den Witz am vergangenen Samstag zum ersten Mal. Die beiden haben etwas mit Frau Suhrbier gemeinsam: Sie wohnen ebenfalls an der Autobahn, in Bronnholzheim, Gemeinde Satteldorf – und zwar nicht erst seit sechs, sondern schon seit 20 Jahren. Es ist sein Elternhaus, das letzte im Diehlbrunnenweg. Dahinter wird die Straße zu einem Wirtschaftsweg.

76 Prozent der Deutschen fühlen sich vom Straßenlärm gestört oder belästigt – das ergab eine Umfrage vom Umweltbundesamt. Dazu kommt: Wer ständig Lärm ausgesetzt ist, lebt gefährlicher als andere. Von wegen Depressionen, Herzschwäche, Schlaganfälle. Über die A 6 bei Satteldorf, die anno 1979 fertig gebaut wurde, rollen heute bis zu 74.000 Fahrzeuge täglich. In den Anfangsjahren gab es in der Gemeinde eine „Interessengemeinschaft Lärmbekämpfung“, die sich für Lärmschutzmaßnahmen einsetzte.

Schlafen mit offenem Fenster

Was macht der Lärm mit den Schuhmanns? Keine 150 Meter sind es von der Gartenlaube bis zur Autobahn. Die ist gut hinter Bäumen und Büschen versteckt, an einer Stelle blitzt die Leitplanke hervor. Eine Lärmschutzwand gibt es nicht, dafür sieht man das Streusalzlager vom Parkplatz Bronnholzheim Nord. „Wir hören die Autobahn nicht mehr“, sagt Monika Schuhmann, 57, und fügt hinzu: „Wir haben uns daran gewöhnt.“ Im Sommer würden sie sogar bei offenem Fenster schlafen.

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Dass sie direkt an einer Autobahn wohnen, wird ihnen erst wieder bewusst, wenn es zu einem Unfall oder Reifenplatzer kommt, sagt Monika Schuhmann. Soll heißen: Dann wird das Grundrauschen jäh unterbrochen. Einmal lag ein Lkw in der Wiese vor dem Haus, aber das ist schon Jahre her. Es gebe Zeiten, sagt Klaus Schuhmann, 59, da vergehe fast kein Tag ohne Stau.

„Ganz ruhig ist es bei uns nicht“, ergänzt Monika Schuhmann, damit meint sie nicht den Verkehr. Im Hintergrund läuft gerade der Betonmischer eines Nachbarn. Und dann sind da noch die Enkelkinder, die regelmäßig kommen, Wallhausen ist ja nicht weit. Vor einigen Tagen zeltete Schwiegersohn Michael Petritschka mit ihnen im Garten, das Zelt steht noch. „Ich höre die Autobahn schon“, betont er. Das Einschlafen dauere bei ihm deshalb ein bisschen länger, so Petritschka weiter. Bei den Kindern sei das anders, „wenn sie die Bettschwere haben“.

Auch die Mitarbeiter einer Firma aus Aschaffenburg hätten früher beim Bau der Autobahn ihre Zelte in Bronnholzheim aufgeschlagen, erinnert sich Maria Schuhmann, die Mutter von Klaus Schuhmann. Die Bauarbeiter wurden gut versorgt, manchmal gab es Kaffee und Kuchen und sogar ein warmes Mittagessen.

Ein bisschen Sehnsuchtsort

Für den verstorbenen Mann von Maria Schuhmann war die Autobahn immer auch ein bisschen Sehnsuchtsort. „Mein Mann hat sich auf die Autobahn gefreut. Das war Fortschritt, das hat ihn sehr interessiert“, sagt sie. Bei Klaus Schuhmann klingt das so: „Vater war offen für die Autobahn. Wenn etwas vorwärtsging, hat ihm das gefallen.“ Heute steht Klaus Schuhmann dem geplanten sechsspurigen Ausbau der A 6 offen gegenüber. „Es kommt, wie es kommen muss“, sagt er.

Bei seinem Vater sei es früher schon mal vorgekommen, dass er im Garten saß und Fahrzeuge zählte, berichtet Klaus Schuhmann. Ihr Mann sei gerne auf der Autobahn gefahren, erzählt Maria Schuhmann, und sie hätten viele Reisen unternommen.

Heute ist Maria Schuhmann 86, seit 60 Jahren lebt sie in dem Haus. „Da sieht man, dass man mit der Autobahn ein schönes Alter erreichen kann“, sagt Klaus Schuhmann und lacht. Seine Mutter lacht mit und erwidert: „Ich höre zwar nicht mehr alles, aber ich muss auch nicht mehr alles wissen.“

Maria Schuhmann hört noch ziemlich gut für ihr Alter. Auch die Autobahn, wenn sie mit ihrem Rollator spazieren fährt. Das Rauschen störe sie nicht: „Das ist wie Musik für mich.“

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