Sommerserie: Autobahn 6 Flusstäler werden zu Großbaustellen

Wenn hier auf sechs statt auf vier Spuren Verkehr fließt, ist das zu viel für die Jagsttalbrücke. Sie wird ebenso wie die Gronachtalbrücke erneuert.
Wenn hier auf sechs statt auf vier Spuren Verkehr fließt, ist das zu viel für die Jagsttalbrücke. Sie wird ebenso wie die Gronachtalbrücke erneuert. © Foto: Ortner Media
Hohenlohe / Sebastian Unbehauen 24.08.2018
Wenn der Verkehr künftig auf sechs statt auf vier Spuren durch Hohenlohe fließen soll, dann geht das nur mit neuen Brücken über Jagst- und Gronachtal.

Kaum ist man drauf, ist man auch schon wieder drunten. Und dass die Asphaltpiste gerade über einen tiefen Abgrund geführt hat, machen sich wohl die wenigsten bewusst, die auf ihrem schleunigen Weg von A nach B über eine Autobahnbrücke nach der anderen rollen. Warum auch? Es passiert ja nichts. Oder?

Der Brückeneinsturz in Genua am 14. August hat schmerzlich vor Augen geführt, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Und die Planer des anstehenden A-6-Ausbaus wollen – ganz unabhängig vom schlimmen Unglück in Italien – unter allen Umständen verhindern, dass so etwas auch in Hohenlohe passiert. Deshalb gilt: Die Tage der bisherigen, direkt nebeneinander liegenden Brücken über das Jagsttal und das Gronachtal bei Satteldorf sind in nicht allzu ferner Zukunft gezählt. Dann nämlich, wenn die Autobahn auch zwischen Kirchberg und der bayerischen Landesgrenze auf sechs Fahrspuren erweitert wird.

Der Ruf nach einer verbreiterten Autobahn ist nicht erst seit gestern laut, schließlich gehören Auffahrunfälle der in dichter Kolonne fahrenden Lkw mittlerweile zum Hohenloher A-6-Alltag. 2015 nahm das Bundesverkehrsministerium den Ausbau auf sechs Streifen zwischen Weinsberg und dem Kreuz Feuchtwangen als einzige baden-württembergische Maßnahme in die Liste der neuen Projekte öffentlich-privater Partnerschaft (ÖPP) auf.

Verwirklicht werden soll das Ganze in sechs Bauabschnitten, wobei jener ab Kirchberg zum guten Schluss kommt. Noch sind nirgends Bagger gerollt, das Planungsverfahren läuft. Nach aktuellem Stand könnte es im Jahr 2023 mit dem ersten Bauabschnitt losgehen. Rund 750 Millionen Euro sind für den Ausbau der 64,4 Kilometer langen Strecke vorgesehen.

Ein nicht ganz kleiner Teil des Betrags – wohl mehr als 60 Millionen Euro – wird in den Neubau der Jagst- und Gronachtalbrücke fließen müssen. Denn für beide bestehenden, 1979 errichteten Bauwerke konstatiert das Regierungspräsidium Stuttgart: „Eine Verbreiterung der Überbauten mit einem Erhalt der bestehenden Unterbauten ist aufgrund der geforderten Geometrie und der steigenden Belastung nicht möglich.“ Schon heute sind die Bauwerke für Schwerlasttransporte gesperrt.

Gerade dort, wo zuletzt heftig über die Erweiterung des Hippelein’schen Steinbruchs gestritten wurde, wartet also schon das nächste Mammut-Projekt. Die ruhigen Flusstäler werden sich in Großbaustellen verwandeln – während in der Bauzeit der Autobahnverkehr weiter über die alten Brücken geführt werden soll.

In der Voruntersuchung des Regierungspräsidiums sind verschiedene Varianten für den Brückenneubau in diesem Gebiet mit „sehr hohem landschaftsästhetischem und naturschutzfachlichem Wert“ analysiert. Dabei mussten das Flora-Fauna-Habitat-Gebiet (FFH) „Jagst bei Kirchberg und Brettach“, das Naturschutzgebiet „Jagst mit Seitentälern zwischen Crailsheim und Kirchberg“ sowie das gleichnamige Landschaftsschutzgebiet berücksichtigt werden. In erster Linie ist die Frage, ob die künftigen Brücken nördlich oder südlich der bisherigen errichtet werden.

„Keine der Ausbaumaßnahmen ist ohne Inkaufnahme erheblicher Auswirkungen auf die Schutzgüter umsetzbar“, konstatiert die Behörde. Zu bevorzugen sei allerdings eine südliche Variante, denn: „Bei den Varianten mit Brücken-Nordlage (…) entstehen Flächenverluste in erheblichem Umfang sowie weitere Beeinträchtigungen der nördlich der Bestandsbrücken liegenden FFH-Lebensraumtypen durch verstärkte Verschattung und voraussichtlich erhöhten Stickstoff­eintrag.“

Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, dass noch manche Diskussion zu führen sein wird, ehe die beiden Flusstäler von neuen Brücken überspannt werden – zum Beispiel auch, was den künftigen Lärmschutz  angeht. Das Interesse an einer Informationsveranstaltung in Satteldorf vor zwei Jahren war entsprechend groß: 200 Bürger kamen. Vor der Einleitung des Planfeststellungsverfahrens für den Bauabschnitt soll es eine weitere Bürgerveranstaltung geben, kündigt das Regierungspräsidium auf Nachfrage an. Bis dahin freilich wird wohl noch einige Zeit ins Land gehen.

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