Auseinandersetzungen hat Renate Künast in ihrer politischen Karriere nie gescheut – ob als Grünen-Vorsitzende, als Fraktionschefin im Bundestag oder als Bundeslandwirtschaftsministerin von 2001 bis 2005. So überraschte es nicht, dass die Gäste des World Organic Forum gestern eine Grüne im Kampfmodus erlebten. Eine Agrar- und Ernährungswende sei nötig und wer für sie eintrete, müsse das mit Selbstbewusstsein tun, forderte die Politikerin – schließlich habe man die Fakten, etwa den Welternährungsbericht, auf seiner Seite.

Und wer auf der anderen Seite steht, ist auch klar: die Agrarindustrie. „Je mehr diese zurückschlägt, umso besser haben wir den Finger in die Wunde gelegt“, sagte Künast. Die Konzerne verbreiteten Mythen, denen es entschieden entgegenzutreten gelte. Beispiel: „Wir müssen die Welt ernähren.“ Nein, sagt da Künast, denn eine Welt, die die im Westen vorherrschende Produktions- und Ernährungsweise übernehme, werde kollabieren: „Unser jetziges System ist ineffizient.“ Lebensmittel würden für die Tonne produziert, und zwar zu hohen ökologischen und sozialen Kosten. „Wir können es uns einfach nicht leisten, das billige Zeug zu kaufen!“, so Künast. Die Grüne forderte ein „Empowerment“, also eine Stärkung der kleinen Bauern vor Ort, die unabhängig von Konzernen ökologisch wirtschaften. Denn: „Die Welt muss sich ernähren.“

Damit lag Künast natürlich voll auf der Linie der meisten Gäste im Saal. Schließlich waren im Verlauf des Kongresses genau solche Beispiele vorgestellt worden – etwa aus Indien.

Künast betonte, dass die Themen Landwirtschaft und Ernährung nicht losgelöst von der Klimafrage und vom Artenschutz betrachtet werden dürften. In diesen Bereichen gebe es starke Bündnispartner für ökologisch wirtschaftende Bauern: Naturschutzverbände etwa, Bürger wie jene in Bayern, die das Volksbegehren zur Rettung der Bienen unterschrieben haben, oder die Schüler, die freitags für Klimaschutz auf die Straße gehen. Dann seien da noch die Städte, in denen weltweit immer mehr Menschen leben, und deren junge Bewohner Wert auf gute Ernährung legten. Dort beginne die Wende.

Die 63-Jährige forderte eine neue europäische Agrarpolitik. Die Auswirkungen der bisherigen Politik auf andere Weltregionen müssten außerdem wissenschaftlich untersucht werden und bereits geschlossene Abkommen müssten endlich in die Realität umgesetzt werden: „Was ist zum Beispiel mit den Menschenrechten? Die hängen irgendwo an der Decke, aber sie müssen unten implementiert werden.“

Künast appellierte, sich nicht im Klein-Klein zu verlieren. Genau das wolle die Agrarindustrie. Was Künast will: „Bio“ soll das neue „Normal“ werden.

Dagegen hätte sicher auch Dr. Andre Baumann, Staatssekretär im baden-württembergischen Umweltministerium, nichts einzuwenden. Der Biologe malte ein beunruhigendes Bild vom Verlust biologischer Vielfalt: „Der Artenschwund ist heute fast so stark wie zur Zeit des Aussterbens der Dinosaurier.“ Baumann kritisierte die massive Überdüngung des Planeten.

Aber er nahm nicht nur die konventionelle Landwirtschaft, sondern auch die Bio-Landwirtschaft in die Pflicht: Auch bei ihr gebe es eine Tendenz zur Technisierung und Intensivierung. „Auf einer Biowiese, die sechsmal im Jahr gemäht wird, ist auch kein Schmetterling, keine Biene und kein Kräutlein mehr.“ Auf manchem Bio-Getreidefeld sehe er kein einziges Beikraut.

Baumann forderte, die Landwirte mitzunehmen. Alle Bauern müssten als Bündnispartner auf dem Weg zu mehr Ökologie betrachtet werden. Es gebe in der Gesellschaft eine Sehnsucht nach biologischer Vielfalt, es gebe aber auch bei den Bauern eine Sehnsucht, von der Gesellschaft akzeptiert und nicht als Brunnenvergifter und Giftspritzer verunglimpft zu werden.

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Künasts Thesen zur Agrar- und Ernährungswende


1 Die Probleme waren nie so groß wie heute, aber die Bündnischancen für ökologisch Handelnde waren auch nie größer.

2 Die Mythen des agroindustriellen Komplexes müssen entzaubert werden.

3 Seien wir Vorbild! Zum Beispiel muss die europäische Agrarpolitik reformiert werden.

4 Die Ernährungs- und Agrarwende beginnt in den Städten. Hier passiert bereits viel.

5 Länder, die sich auf den Weg gemacht haben, müssen unterstützt werden.

6 Wir fordern die Herrschaft des Rechts! Bestehende Abkommen müssen umgesetzt werden.