Der Tag der Arbeit, der 1. Mai, hätte für eine Initiative, die im Würth-Konzern einen Betriebsrat gründen will, eine besondere Bedeutung bekommen sollen. Zu diesem Termin war ursprünglich eine Betriebsversammlung anvisiert worden, auf der ein Wahlvorstand für eine Betriebsratswahl gewählt werden sollte. Vier Kandidaten haben sich dafür beworben. Dieser Termin musste jedoch verschoben werden.

Außenstehende mag es verwundern: Die Adolf Würth GmbH & Co KG (AWKG) beschäftigt als größte Einzelgesellschaft des Handelskonzerns über 7000 Mitarbeiter und hat keinen Betriebsrat.

Doch das stimmt nicht ganz. Bei Würth gibt es zwar keinen Betriebsrat nach dem Betriebsverfassungsgesetz, jedoch eine ähnliche Form der Arbeitnehmervertretung. 31 Mitarbeiter gehören hier einem gewählten Vertrauensrat an, der ähnliche Funktionen wahrnimmt. „Der Vertrauensrat ist das freiwillig und rechtmäßig gewählte Vertretungsorgan aller Mitarbeiter der Adolf Würth GmbH & Co. KG“, heißt es vonseiten der Unternehmensleitung. Das Gremium vertrete die Mitarbeiterinteressen und stelle das Vermittlungs- und Bindeglied zwischen Mitarbeitern und der Geschäftsleitung dar. Das Gremium habe an Betriebsvereinbarungen zu Sozialleistungen, Arbeitszeit, Sabbatical, Suchtprävention, Arbeitssicherheit und Entgeltstrukturen mitgewirkt und werde bei Veränderungsprozessen im Konzern sowie bei Personal- und Sozialangelegenheiten, unter anderem bei beabsichtigten Kündigungen gehört.

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Künzelsau

Warum also der ganze Aufruhr um eine Arbeitnehmervertretung, wenn es doch so gut läuft? Uwe Bauer, Geschäftsführer der IG Metall in Schwäbisch Hall, erklärt die feinen Unterschiede: Ein Vertrauensrat genieße keinerlei Rechte nach dem Betriebsverfassungsgesetz. Er könne lediglich Vorschläge unterbreiten.

Würth gilt als Vorzeigeunternehmen: Wer hier arbeitet, hat einen sicheren Job und kann mit jeder Menge sozialer Benefits rechnen, angefangen bei flexiblen Arbeitszeiten über individuelle Weiterbildungsmöglichkeiten und Karriereprogramme bis hin zu einem vielfältigen Kunst-, Kultur- und Gesundheitsangebot und zahlreichen Sozialleistungen.

Die „Würthler“ sehen sich gern als große und erfolgreiche Familie. Aber gerade die, so fordert Johann Daniel Hurlebaus – er ist das Gesicht der Initiative – sollte sich schützend vor ihre schwächsten Mitglieder stellen.

Initiator ist AfD-Mitglied

Und gerade das sei eben nicht der Fall, beklagt der 39-jährige Betriebswirt, der als Key-Account-­Manager Großkunden im Saarland und in Teilen von Rheinland-Pfalz betreut. Er habe in den dortigen Niederlassungen Arbeitsbedingungen kennengelernt, die nicht in das Bild passen, das Würth gern von sich zeichnet. Zu seinen Hauptforderungen gehören deshalb eine Zeiterfassung mit Pausenregelung in den Niederlassungen, geregelte Löhne in der Logistik sowie eine Überstundenregelung, die Dienste an den Wochenenden vergütet.

Für Unruhe im Unternehmen sorgen außerdem geplante Umstrukturierungen, wobei Unternehmensleitung wie auch Vertrauensrat per Rundschreiben beruhigen: Man wolle noch in diesem Jahr die Anzahl der Verkäufer um zwei Prozent steigern und auch die Anzahl der Führungskräfte solle „mindestens konstant“ bleiben.

Wer ist dieser Robin Hood, der sich – ohne rechtlichen Kündigungsschutz – so weit aus der Deckung wagt und was bezweckt er?

Johann Daniel Hurlebaus ist nicht unumstritten: Er gehört der AfD an und bekleidet in der Ortenauer Kreisgruppe das Amt des Schatzmeisters. Bei der Geschäftsleitung ist er nicht beliebt. In einer Videobotschaft, die der Redaktion zugespielt wurde, wirft deren Sprecher Norbert Heckmann Hurlebaus vor, bei einzelnen Kunden sogar Hausverbot zu haben. Ein Vorwurf, dem Hurlebaus widerspricht. Er sei nie abgemahnt worden, versichert er. Auch die Mitarbeiter-Kommentare auf der Facebook-Seite zeichnen ein ambivalentes Bild.

Die Kommunikation zwischen Hurlebaus und den Mitarbeitern auf der einen sowie der Geschäftsleitung auf der anderen Seite erfolgt per Facebook und Videobotschaften. Hurlebaus und Heckmann haben sich bisher persönlich noch nie getroffen. Der Betriebsrats-Initiator verschickt seine E-Mails von einem persönlichen Account aus. Der Zugang zum Würth-Intranet sowie die mobile Rufnummer über das Geschäftstelefon seien ihm gesperrt und seine Kontakte aus den Firmenverzeichnissen gelöscht worden, beklagt er. Deshalb hat er die Geschäftsleitung auch per Facebook dazu aufgefordert, eine Betriebsversammlung einzuberufen, die Bedrohungen einzelner – mit der Initiative sympathisierender Mitarbeiter – einzustellen sowie eine Kommunikation auf Augenhöhe zu ermöglichen.

Es gibt ein erstes Gepräch

Bis heute hat das Unternehmen erfolgreich eine Betriebsratsgründung zu verhindern gewusst. Die letzte Initiative wurde 2012 gestartet und verlief, unter anderem nach einem Brandbrief des Firmengründers, im Sande.

Aktuell lässt das Unternehmen mitteilen, es werde die Wahl eines Betriebsrates nicht behindern. Es obliege den Mitarbeitern darüber zu entscheiden, ob sie die Initiative zur Wahl eines Betriebsrats annehmen oder nicht. Am 26. April werden sich Hurlebaus und Heckmann erstmals zu einem Gespräch in Künzelsau treffen.

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Mitglieder  hätte ein Betriebsrat in der Größe des Würth-Konzerns. Zehn davon wären freigestellt.