Wir sind alle Geschwister

Wer sich gemeinsamer Wurzeln bewusst ist, kann anderen die Hände reichen.
Wer sich gemeinsamer Wurzeln bewusst ist, kann anderen die Hände reichen. © Foto: Tobias Kleinschmidt/dpa
SWP 02.05.2015
Gedanken zum Sonntag von Pastoralreferent Wolfram Rösch von der Kirchengemeinde St. Markus aus Schwäbisch Hall.

Vor gar nicht allzu langer Zeit las ich das Buch "Die sieben Töchter Evas". Darin beschreibt der Autor Bryan Sykes, die Bevölkerung Europas stamme von sieben Müttern ab. Der Nachweis gelang ihm über die Kraftwerke der Zellen, die Mitochondrien, die ausschließlich von der Mutter weitervererbt werden. Sicher bleiben wie bei allen wissenschaftlichen Thesen noch Anfragen, doch scheint sich im Kern die Aussage zu bestätigen, dass die vielen Abstammungszweige sich auf sieben Äste zusammenfassen lassen. Der Wissenschaftler geht sogar noch weiter und nimmt an, dass die gesamte Weltbevölkerung sich auf eine kleine Anzahl von Urmüttern zurückverfolgen lasse.

Mir geht es nicht darum, dass die Erzählung von Adam und Eva jetzt wissenschaftlich bewiesen ist. Es ist eine mythische Geschichte über den Anfang, die in vielen Spielarten in allen Kulturen zu finden ist. In der Bibel geht es um Sinndeutung und nicht um Naturwissenschaft wie in Sykes Buch.

Was mich aber an der naturwissenschaftlichen Aussage fasziniert, ist, dass wir durch unsere Abstammung alle eng miteinander verwandt sind, weil wir eine gemeinsame Wurzel besitzen. Ähnliche Gedanken sind von Jesus überliefert. Er sprach davon, dass er der Weinstock sei und wir die Reben. Jesus greift ein Bild aus der Natur auf. Der Weinstock ist weit verzweigt und gründet in einer gemeinsamen Wurzel. Die Wurzeln können bis zu zwölf Meter lang werden, um in der Tiefe an Wasser zu gelangen.

In den letzten Wochen haben wir gespürt, wie wir miteinander verbunden sind: der Flugzeugabsturz in Frankreich, das Flüchtlingselend auf dem Mittelmeer, Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, das Erdbeben in Nepal mit seinen unzähligen Opfern. Das alles lässt uns nicht kalt.

Die Gedanken aus dem Buch "Die sieben Töchter Evas" und Jesu Bild vom Weinstock zeigen mir, dass wir alle miteinander verwandt sind und gemeinsam das Leben teilen. Nicht immer herrscht dabei eitel Sonnenschein - wie in jeder Familie. Wir teilen manchen Ärger und gemeinsame Freude, wir erleben Leid, aber auch, dass die Hoffnung siegen kann.

Ich möchte zuerst das Gute in jedem sehen. Das hilft mir, im anderen Schwester und Bruder zu sehen und da beizustehen, wo es notwendig ist. Manchmal reicht es, kurz anzupacken und es kann weitergehen. Ein andermal brauchen wir bessere Strukturen, oder Ausbildungsmöglichkeiten für junge Menschen, einen längeren Atem, um angemessen zu reagieren.

Wir sind Geschwister, das mag vielleicht weltfremd, naiv und nach Gutmenschentum klingen. Für mich scheint in dieser Aussage die Menschlichkeit und Barmherzigkeit hervor, die uns alle verbindet. Als Christ ergänze ich das mit dem Bild des Weinstocks. Denn in ihm fließt eine Kraft, die aus dem Innern kommt und mir hilft, manche Grenzen und Vorurteile zu überwinden.