Gaggstatt Wie viel ist zu viel für Kirchberg? Bald 30 Flüchtlinge in Gaggstatt

In dieses Haus in der Gaggstatter Raiffeisenstraße sind bereits vor Wochen zehn Asylbewerber eingezogen. Mitte Mai sollen 20 weitere Flüchtlinge im Nachbargebäude untergebracht werden.
In dieses Haus in der Gaggstatter Raiffeisenstraße sind bereits vor Wochen zehn Asylbewerber eingezogen. Mitte Mai sollen 20 weitere Flüchtlinge im Nachbargebäude untergebracht werden. © Foto: Sebastian Unbehauen
SEBASTIAN UNBEHAUEN 29.04.2015
Das Kirchberger Adelheidstift wird immer noch umgebaut, in Gaggstatt hingegen sind schon zehn Flüchtlinge eingezogen - und weitere 20 sollen folgen. Jetzt wurde die Bevölkerung informiert. Zu spät, finden viele.

Bei Gerhard Stahl, dem Ortsvorsteher von Gaggstatt, hat sich einiges an Frust angesammelt. Am Osterfeuer, so berichtete er am Montagabend in der Kirchberger Gemeinderatssitzung im Gaggstatter Dorfgemeinschaftshaus, habe er von neuen Mietern in der Raiffeisenstraße 5 erfahren. Die Stadt habe auf Nachfrage nichts dazu sagen können. Kein Wunder: Sie wurde erst eine Woche später, nämlich am Montag nach den Osterferien, vom Landratsamt über den Einzug von zehn Asylbewerbern in das Wohnhaus am früheren Gewerbegrundstück Patz informiert. Das Gebäude war zuletzt von der Jugendhilfeeinrichtung "Mut zur Zukunft" genutzt worden.

"Normalerweise informieren wir sofort"

Eine "Schande für das Landratsamt" sei diese Informationspolitik, findet Stahl, der gleichzeitig betonte: "Nichts gegen die Flüchtlinge!" Auch Bürgermeister Stefan Ohr sagte, der Informationsfluss sei "anders als gewünscht" gewesen. Für den Landkreis sprach die zuständige Dezernatsleiterin Martina Steinecke: "Normalerweise informieren wir sofort", betonte sie. "In diesem Fall ist es wegen der Urlaubszeit anders gelaufen. Ich kann mich dafür nur entschuldigen."

Steinecke lieferte jetzt die notwendigen Informationen. So erfuhren die sehr zahlreich anwesenden Bürger, unter welchem Unterbringungsdruck sich der Landkreis sieht, was der Unterschied zwischen einer vorläufigen Unterbringung und einer Anschlussunterbringung ist (siehe Info), wie die Flüchtlinge betreut werden sollen - und dass schon Mitte Mai 20 weitere Asylsuchende in die Raiffeisenstraße 7 einziehen werden. Bisher sind in Gaggstatt Familien mit vier Vorschulkindern angekommen, die bereits den Kindergarten besuchen. Im Mai seien allerdings Einzelpersonen, keine weiteren Familien, zu erwarten, erklärte Steinecke.

Wie viel ist zu viel?

Es war keine Anti-Flüchtlings-Stimmung in Gaggstatt auszumachen, aber ein Unwohlsein herrscht schon. Die große Frage, die im Raum stand: Wie viel ist zu viel? Anders formuliert: Wie viele Asylbewerber kann eine kleine Kommune integrieren? Denn ins Adelheidstift sollen nach dem Abschluss der Bauarbeiten ja noch weitere 120 Menschen einziehen. Die Kirchberger fürchten ein Ungleichgewicht im Vergleich mit anderen Gemeinden.

Bürgermeister Ohr betonte, er sehe die Entwicklung in Gaggstatt grundsätzlich positiv. Von leer stehenden Gebäuden habe schließlich niemand einen Nutzen. "Wir stehen den Asylbewerbern sehr aufgeschlossen gegenüber, aber es muss am Ende auch bewältigbar sein", fügte er hinzu.

"Wir müssen nehmen, was kommt"

Stadtrat Jürgen Scharch sagte: "Auch wenn wir's gern machen, aber nicht nur Kirchberg!" Auch andere Kommunen müssten mit ins Boot genommen werden. Sein Kollege Michael Kochendörfer pflichtete ihm bei: "Wir sind in Kirchberg an der Grenze der Belastbarkeit." Dezernentin Steinecke wollte gleichwohl nicht versprechen, dass nicht noch anderswo auf Kirchberger Gemarkung Flüchtlinge einziehen könnten. "Ich habe ja gesagt, wie groß der Druck ist", stellte sie klar. "Wir suchen überall, aber es muss etwas Passendes sein und das ist nicht so einfach." Kurzum: "Wir müssen nehmen, was kommt."

Für Irritationen unter den Bürgern sorgte zuletzt übrigens auch, dass auf dem Baufreigabeschein am Adelheidstift von 158 künftigen Bewohnern und vom Roten Kreuz als Eigentümer die Rede ist. "Das sind Fehler, die werden korrigiert", versicherte Ohr. Angesichts solcher Nachlässigkeit fühle man sich "verschaukelt", sagte ein Bürger.

Der Argwohn ist geweckt, dass man vonseiten des Landratsamts doch wieder von den vereinbarten sieben Quadratmetern pro Flüchtling abrücken will. Der Kampf dafür sei keine "Flüchtlingsvermeidungsstrategie" gewesen, betonte Stadtrat Robert Schmid-Denkler. Dem Gremium sei es vielmehr um eine lebenswerte Unterbringung gegangen. Ohr betonte, es gebe eine schriftliche Zusage des Landratsamts. Diese kann Landrat Gerhard Bauer im Juni persönlich untermauern. Dann kommt er in den Kirchberger Gemeinderat.

Aktuelle Flüchtlingszahlen

Martina Steinecke, die Leiterin des Dezernats für Recht und Ordnung im Landratsamt, nannte aktuelle Zahlen zur Flüchtlingspolitik: Demnach hätten im Januar 2012 187 Asylbewerber in der vorläufigen Unterbringung im Landkreis gelebt, Ende 2014 seien es bereits 681 gewesen. Aktuell liege die Zahl bei 816 Menschen.

Das Land ist für die Erstaufnahme der Ankommenden zuständig, die Landkreise für die anschließende vorläufige Unterbringung, welche maximal 24 Monate dauert. Es folgt die Anschlussunterbringung, für die die Gemeinden zu sorgen haben.

Für die Betreuung der Flüchtlinge in Gaggstatt werden Ehrenamtliche gesucht: E-Mail blaufelden@asylfreunde-sha.de.

SEBU