Wer auf den Hof von Friedrich Rosenäcker kommt, weiß gleich, was Sache ist. An der Einfahrt grüßt eine Kuh in Lebensgröße, allerdings eine aus Kunststoff – ein Geschenk an seine Frau zum Geburtstag. Und das Beste ist: Die Kuh hat sogar ein Dach über dem Kopf. Wie im richtigen Leben. „Unser Hofschild“, sagt Rosenäcker und lacht. Dann geht es mit dem Besuch in den Stall, Kühe gucken.

Rosenäcker ist Milchbauer, er lebt von den Kühen. 85 Fleckviehtiere stehen im Stall, sie geben täglich rund 2000 Liter Milch. Derzeit bekommt er 28 Cent pro Kilogramm vom Milchwerk Crailsheim-Dinkelsbühl. Es gibt Gegenden im Norden Deutschlands, da gibt es weniger als 20 Cent. „Zum Leben reicht es“, sagt Rosenäcker zu den 28 Cent. Aber das ist auch schon alles. „Wir investieren nichts.“ Das wiederum bekommen natürlich andere Bereiche in der Landwirtschaft zu spüren. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der Nachwuchs packt mit an

Den Hof in der Gemeinde Kreßberg führt Friedrich Rosenäcker in der vierten Generation. Und alle packen mit an. Seine Frau, die drei Töchter, seine Eltern, oft ein Neffe. Auch im Stall der Rosenäckers geht es familiär zu. Hier hat noch jede Kuh einen Namen. „Die erkennt man am Kopf und am Euter“, sagt Rebecca Rosenäcker. So wie es aussieht, wird die 22-Jährige den Hof einmal von ihrem Vater übernehmen. Im Sommer ist sie mit der Technikerschule fertig. Und dann ist da ja noch ihre jüngere Schwester Natalie (17), die macht gerade eine Ausbildung zur Landwirtin. Ein Arbeitstag von zwölf Stunden und mehr schreckt beide nicht ab. Was den Nachwuchs  angeht, muss man sich über die Zukunft des Betriebes wohl keine Sorgen machen.

Etwas anderes ist das, wenn der Liter frische Vollmilch beim Discounter plötzlich nur noch 46 statt 59 Cent kostet. Dann kommt nämlich immer weniger davon beim Milchbauern an, und der muss im wahrsten Sinne des Wortes damit leben. Nach Erhebungen des Deutschen Bauernverbandes liegt das monatliche  Einkommen eines Landwirts bei 2500 Euro – brutto, versteht sich. Ausgaben für Investitionen gehen davon noch ab.

„Der Milchpreis ist nicht gerechtfertigt“, findet Gerd Moser, „aber der Handel sitzt am längeren Hebel.“ Moser ist Vorstandsvorsitzender des Milchwerks Crailsheim-Dinkelsbühl und auch zum Termin nach Wüstenau gekommen. Den Job macht er ehrenamtlich, im Hauptberuf ist Moser, richtig: Landwirt. 466 Mitglieder gehören seiner Genossenschaft insgesamt an, sie liefern täglich rund 330.000 Liter Milch. Heute Abend steht beim Milchwerk die Generalversammlung an, es geht ums abgelaufene Geschäftsjahr, aber natürlich ist auch der niedrige Milchpreis Thema.

„Es ist zu viel Milch auf dem Markt“, betont Moser. Dass dem so ist, hat nicht nur mit einer  Überproduktion zu tun, sondern auch mit dem konjunkturschwachen China und dem Handelsembargo nach Russland – diese Länder fallen als Großkäufer aus. Die diskutierten Steuererleichterungen halten Moser und Rosenäcker für eine sinnvolle Maßnahme (siehe Info unten). Das Vertrauen in den Markt haben die beiden trotzdem nicht verloren. „Der wird das schon regeln“, sagt Moser.

„Das wird wieder besser“, meint auch Rosenäcker. Jetzt ginge es darum, die Zeit „durchzuhalten“. „Es muss besser werden“, fügt Moser hinzu. 35 bis 40 Cent bräuchte Rosenäcker, um so zu arbeiten, wie er sich das vorstellt. Aber die Unsicherheit, die lebt leider immer mit.
 

Das Herzstück und die Moral

Die Situation der Milchbauern (und Schweinehalter) ist Thema in der nächsten Sitzungswoche im Bundestag Ende Mai/Anfang Juni. „Wir werden prüfen, ob die Landwirte steuerlich etwas besser gestellt werden können“, schreibt der CDU-Bundestagsabgeordnete Christian Freiherr von Stetten in seinem Newsletter. Denkbar seien auch direkte Hilfen, heißt es weiter, „um die Liquidität der Höfe zu verbessern“, Entlastungen bei der Unfallversicherung und die Möglichkeit für die Branche, ihre Produktionshöchstmengen selbst festzulegen. „Es geht um die Zukunft der ganzen Branche in Deutschland und um das Herzstück des ländlichen Raums“, betont von Stetten.

Einer, der sich auf landespolitischer Ebene für den ländlichen Raum einsetzt, ist Dr. Friedrich Bullinger, wohnhaft in Reubach. Der FDP-Landtagsabgeordnete weiß, wovon er spricht, hat einst Landwirt gelernt. „Du musst eine gewisse Spezialisierung haben“, sagt Bullinger. Ein Betrieb dürfe heute „kein Gemischtwarenladen“ sein. Der Schwerpunkt beim Bullinger-Hof, den der Bruder führt, liegt auf Ferkelerzeugung. Wenn es nach Friedrich Bullinger geht, müsse ein „Risikosteuerausgleich“ kommen, damit Landwirte Gewinne und Verluste aus mehreren Jahren verrechnen können. Freiwillige Reduzierungen bei der Milchmenge werde es nicht geben. „Der jetzige Preis ist nicht auskömmlich“, findet Bullinger. Er geht davon aus, dass „differenzierte Preise der Schlüssel“ sein könnten. Dabei würde es für eine bestimmte Menge Milch einen Garantiepreis geben. Und dann ist da noch etwas, das Bullinger gerne loswerden möchte. „Ich finde es toll, welche Qualität wir haben, aber am Regal endet die Moral.“ Die Bereitschaft, etwas mehr zu zahlen, sei bei vielen nicht da.

JS