Ilshofen Wenn Puzzleteile verloren gehen

CLAUDIA KERN-KALINKE 09.03.2013
Einprägsam, humorvoll und fachkundig sprach die Untermünkheimer Krankenschwester Regine Hammer in Ilshofen über den täglichen Umgang mit Demenzkranken.

Das Thema Demenz aus der Tabuzone holen, aufklären und den Angehörigen helfen: Das war das Ziel zweier Vorträge, die Regine Hammer von Diakonie daheim im Bereich des Krankenpflegevereins Ilshofener Ebene hielt. Schon eine Woche zuvor in Wolpertshausen war das Interesse groß. Noch zahlreicher füllten die Zuhörer am Dienstag den Ilshofener Sitzungssaal im Rathaus. Bürgermeister Roland Wurmthaler sprach überraschend offen über die Demenzerkrankung seines verstorbenen Vaters und die damit verbundenen Probleme für die Familie. Er gab damit den Einstieg ins Thema "Umgang und Kommunikation mit Menschen mit Demenz".

"Gedächtnisstörungen, Nachlassen der Merkfähigkeit und Desorientiertheit sind die drei Hauptsymptome bei Demenz", knüpfte die Pflegeexpertin an. Tragisch sei es, wenn immer mehr Puzzleteile des Lebens verloren gehen bis nur noch die Kindheit präsent ist, fand Regine Hammer. Sie warnte vor der Anschaffung neuer und komplizierter Haushaltsgeräte, die der demente Mensch nicht kennt: "Das funktioniert meist nicht."

Bei zeitlicher Desorientierung rät sie zu jahreszeitlicher Dekoration, die beispielsweise jetzt auf Frühling und Ostern hinweist. Mangelt es an räumlicher Orientierung helfen Türschilder mit symbolischen Hinweisen auf Küche oder WC. Zeitsprünge können auftreten und versetzen den Menschen plötzlich in eine andere innere Realität. Die Krankenschwester erzählte von einem pflegebedürftigen Jäger, den sie abends ins Bett bringen musste. Er behauptete, er sei heute auf der Jagd gewesen. "Am besten lasse ich ihn in seiner Realität und sage nur, dann sind Sie aber jetzt müde und müssen schlafen."

Pflegende Angehörige machte Regine Hammer auch auf die allgemeine Verlangsamung bei allen Tätigkeiten aufmerksam: "Nicht beim Essen drängeln!" Weitere Probleme bereiten der Verlust des Abstraktionsvermögens und die Einengung des Gesichtsfeldes: "Das ist wie der Blick durch die Taucherbrille." Also den Menschen nicht plötzlich von hinten anfassen und die Kaffeetasse nicht außerhalb des Wahrnehmungsfeldes abstellen.

Neu für viele Zuhörer war der Begriff integrative Validation. "Das ist eine wertschätzende Grundhaltung, die Restkompetenzen nutzt, und besonders auf die Gefühle der Menschen achtet", erklärte Regine Hammer, die als Trainerin für diese in den USA entwickelten Methode tätig ist. Dazu ist für die Pflegekräfte die Biografie der Person von besonderer Bedeutung. Man könne dann beim Demenzkranken auf Beruf, Familienerfahrung und Lebenswerte wie zum Beispiel alte preußische Tugenden eingehen.