Gaildorf Wenn die Heimat plötzlich "öd und stumm" wird

Klaus Michael Oßwald leitet die Redaktion der RUNDSCHAU in Gaildorf.
Klaus Michael Oßwald leitet die Redaktion der RUNDSCHAU in Gaildorf.
Gaildorf / KLAUS MICHAEL OSSWALD 05.11.2014
Im Welzheimer Wald hat sich der gebürtige Ludwigsburger Dichter und Arzt Justinus Kerner (1786-1862) einsam gefühlt. Auch in Gaildorf, wo er von 1815 bis 1819 als Oberamtsarzt wirkte, fühlte er sich von Gott und der Welt verlassen.

Immer wieder ließ er seinen Freund Ludwig Uhland wissen, dass er "ohnmöglich lange hier bleiben" könne. Das mag verständlich sein, wenn man die häusliche Situation der Familie Kerner kennt: In den knapp fünf Jahren musste sie zweimal die (jeweils unwirtliche) Wohnung wechseln.

Kritische Geister führen bis heute Kerners vermeintliches Unwohlsein im Limpurger Land auf den Menschenschlag zurück. Und sie irren bis heute, weil sie wohl den gereimten, von Robert Schumann vertonten Seufzer des Romantikers, inzwischen in Weinsberg daheim, übersehen haben: Durch seine Ballade "Sehnsucht nach der Waldgegend" hört man den unglücklichen Kerner förmlich schluchzen: "Wär ich nie aus euch gegangen, Wälder, hehr und wunderbar!"

Dabei hatte er sich doch, wie auch sein in Gaildorf geborener Sohn Theobald später bemerkte, in Weinsberg sehr wohlgefühlt - nicht nur des Weines wegen, den er dort in unüblichen Mengen geschlotzt haben soll. Und dann solche Zeilen: "Hier in diesen weiten Triften ist mir alles öd und stumm!"

Ausgerechnet der gastfreundliche Poet, dessen Weinsberger Heim vielen Zeitgenossen weit offen stand, fühlte sich nirgendwo richtig heimisch. Kerner hatte sich zeitlebens in erster Linie um das Wohl anderer Menschen gekümmert, sein eigenes - bis auf die täglichen 16 Viertele Wein, die man ihm nachsagt - sträflich vernachlässigt.