Jagstkatastrophe Wenn dem Fluss die Fische fehlen

Die Idylle an einem Seitenarm der Jagst bei Kirchberg mit Blick auf Schloss Hornberg trügt ein bisschen. Im Wasser schwimmen ausschließlich kleine Döbel.
Die Idylle an einem Seitenarm der Jagst bei Kirchberg mit Blick auf Schloss Hornberg trügt ein bisschen. Im Wasser schwimmen ausschließlich kleine Döbel. © Foto: Jens Sitarek
Crailsheim / Jens Sitarek 25.08.2018
Was machen Angler, wenn es nichts zu fangen gibt? Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt eines Fischerei- und eines Angelsportvereins, drei Jahre danach.

Die schrecklichen Bilder kriegt Bruno Fischer aus Kirchberg nicht so schnell aus dem Kopf, er hat sogar eine Zeitlang nachts davon geträumt. Wie er den Fischen damals beim Sterben zugesehen hat. Da waren die Aale, die um seine Füße herumzuckten, als er auf Steinen in der Jagst stand. Und da war das Wasser im Fluss, das aussah, als ob es kochte. Nicht das Wasser kochte, sondern Fische mit verätzten Kiemen schnappten in der Giftfahne nach Luft.

Das, was sie da sahen, trieb den Männern die Tränen in die Augen. Vielleicht kann man deswegen verstehen, warum an anderen Stellen, auf die sich die Giftfahne erst noch zubewegte, Wasser und reiner Sauerstoff in die Jagst gepumpt wurde, in der Hoffnung, es würde etwas bringen.

Absolute Hilflosigkeit

In Kirchberg war schon längst nichts mehr zu retten, die Helfer konnten nur noch zusehen. „Die absolute Hilflosigkeit“, so sagt es Fischer an diesem Donnerstag. Wir fahren mit dem Vorsitzenden der Nabu-Ortsgruppe, der auch im Vorstand des Fischereivereins Kirchberg sitzt, an ein Biotop an der Jagst mit Blick aufs Schloss Hornberg – eine von vielen Renaturierungsmaßnahmen nach dem Unglück.

Erinnerungen an den 22./23. August 2015, als in Lobenhausen die Mühle brannte, mit Düngemitteln kontaminiertes Löschwasser in den Fluss gelangte und ein enormes Fischsterben auslöste, werden wach. „Große Ferien, heiß, Niedrigwasser“, sagt Fischer, damals wie heute.

Aber die Sache ist die: Es gibt heute zwar viele Biotope, aber das Leben, die Fische fehlen. „Wo sollen die Fische auch herkommen?“, sagt Fischer, „der natürliche Austausch findet nicht statt.“

Neun von zehn Fischen sind mittlerweile Döbel, sagt Fischer. Früher meldete er mal 28 Arten ans Regierungspräsidium Stuttgart. Damit jetzt nicht nur kleine Döbel in der Jagst schwimmen, gibt es immer wieder Besatz- und Umsetzaktionen. „Kirchberg war ein Anglerparadies“, sagt Fischer. Aber: „Es wird noch sehr, sehr lange dauern, bis wir den Fischbestand bekommen, den wir vor der Katastrophe hatten.“

Für seine Bemerkung wenige Tage nach dem Unglück, dass es zehn bis zwanzig Jahre dauern werde, bis das Gleichgewicht wiederhergestellt sei, erntete er von vielen Kopfschütteln. Heute weiß nicht nur er, dass er damit gar nicht so falsch lag.

21 Tonnen tote Fische

Zehn Tonnen tote Fische sammelte allein der Fischereiverein Kirchberg ein.  Insgesamt kamen 21 Tonnen zusammen – das sind jedenfalls die Fische, die gefunden und in Sulzdorf bei der Tierkörperbeseitigung gewogen wurden. Wer mit Anglern spricht, ahnt schnell, dass die eigentliche Menge viel höher gewesen sein muss.

Was macht das mit einem Angelverein, wenn es nur etwas einzusammeln und nichts zu fangen gibt? „Das prägt einen auf lange Zeit“, betont Fischer. Könnte doch sein, dass Mitglieder deswegen den Vereinszweck nicht mehr erfüllt sehen und austreten. Nicht so in Kirchberg. Es habe sogar einige gegeben, die seien extra eingetreten, um den Verein zu unterstützen. Jahresbeitrag: 150 Euro. Die Mitgliederzahl liegt bei 40.

Von den 230.000 Euro Schadenersatz, die der Mühlenbetreiber und die Stadt Kirchberg zahlen, bekommt der Fischereiverein Kirchberg 80.000 Euro. Beim Angelsportverein (ASV) Jagst/Langenburg gehen sie von 40.000 Euro aus, berichtet Vorsitzender Achim Thoma. Das Geld soll in den Fischbestand fließen, Thoma schwebt ein Besatzplan für die nächsten fünf bis zehn Jahre vor.

Was lebt und krabbelt denn da?

Der ASV hat 90 Mitglieder, der Jahresbeitrag liegt bei 125 Euro. Die Jagstkatastrophe hat dem Zuspruch keinen Abbruch getan. „Unsere Mitglieder haben uns die Treue gehalten“, sagt Thoma, und: „Von der Vorstellung, dass sich alles von selber erholt, sind wir weit entfernt.“ Geholfen hat natürlich auch, dass Fürst Philipp zu Hohenlohe-Langenburg ihnen bei der Pacht entgegenkam.

Mittlerweile wird in einem der drei Hauptgewässerabschnitte des Vereins an der Jagst schon wieder geangelt. Dass ein Stück Normalität einkehrt, sieht man auch am Kinderferienprogramm des ASV am 31. August auf dem Jugendzeltplatz am Schimbach. Das Thema: „Was lebt und krabbelt da im Wasser?“ Und weiter heißt es: „Wir entdecken die geheimnisvolle (Unter-)Wasserwelt  unserer Jagst. Mit Tümpelforscherausrüstung erkunden wir den Fluss und treffen dabei allerhand interessante Lebewesen.“ Damit sind nicht nur Fische gemeint.

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