Rot am See Weil die blaue Holzbiene so selten ist

Rot am See / Birgit Trinkle 11.07.2018
Mit den Jahren ist im Garten von Ruth und Hermann Müller in Rot am See ein Bienenparadies herangewachsen.

Eine Biene ist eine Biene ist eine Biene. Außer es ist eine große, blauschwarze, nie gesehene. Als Ruth und Hermann Müller zum ersten Mal Bohrmehl am morschen Baumstumpf in ihrem Garten fanden, dazu ein „kerzengrad gebohrtes Loch“, als sie wenig später eine gar seltsame Riesen-Biene aus diesem Loch krabbeln sahen, wollten sie es genau wissen. Der fremde Gast fand sich damals nicht in den heimischen Bestimmungsbüchern; mittlerweile gibt es in aktuellen Fachzeitschriften immer mehr Hinweise auf die Blaue Holzbiene, die auch die Große oder die Blauschwarze genannt wird.

Für Hermann Müller, der sich eingelesen hat, ist klar, dass das wärmer werdende Klima Insekten anzieht, die in diesen Breiten nicht daheim sind. Die Landesanstalt für Umwelt gibt ihm recht. Seit Jahren sei ein „Zustrom von wärmeliebenden Tierarten, insbesondere Insekten, nach Baden-Württemberg“ zu beobachten, heißt es in einer bereits 2007 veröffentlichten Studie „Klimawandel und Insekten“. Nicht nur Feuerlibelle, Furchenbiene und Feuerfalter, auch die Blaue Holzbiene breitet sich aus.

Nun kann so einer Biene kaum Besseres passieren, als bei Müllers im Garten zu landen. Insbesondere die wilden Schwestern der Honigbiene – in Deutschland gibt es aktuell knapp 560 Wildbienenarten –  haben es ihnen angetan. Grundsätzlich aber sind Insekten hier willkommen.

Frühe Ansätze

Ganz am Anfang haben die Müllers ein Insektenhotel aufgestellt. Damals war das noch nicht modern, aber es war schon deutlich stiller und unbelebter auf den Wiesen und Feldern. Dass die Insekten weniger werden, zeichne sich seit Langem ab, sagt Hermann Müller. Auch der Wiesengarten wurzelt in einer Zeit, in der ein idealer Garten Grashalme hatte, die wie kurzgeschorene kleine Soldaten in Reih und Glied standen. Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass so ein Lebensraum-Garten nicht weniger Arbeit macht als ein Golfrasen, mithin nicht der Fauhlheit zuzuschreiben ist, aber noch immer ist Ruth Müller versucht, sich dafür zu entschuldigen.

Wie viel Leben in diesem Garten ist: Das morsche Holzbienenheim, das vor 20 Jahren nach einer Baumfällaktion als Podest für Blumentöpfe stehenblieb, ist bei Weitem nicht das einzige Insektenparadies. Nicht alles, was Müllers anbieten, wird angenommen. Ein abgesägter und mit dem Akkuschrauber traktierter Blutbuchenstumpf  steht noch immer verlassen da, auch das alte Insektenhotel ist jetzt verlassen, dafür brummt es im Holzschuppen, dass es eine Freude ist. Als das Paar im vergangenen Herbst für den Winter abschließen wollte, war das Schloss zur Bienenburg umfunktioniert und zugebaut.

Schmetterlingsfutter

Im wilden Oregano tummeln sich Schwärme von kleinen, schwarzen Wildbienen, der Sporn ist von Taubenschwänzchen belagert – überhaupt wird hier das Wort „Schmetterlingsweide“ buchstäblich mit Leben gefüllt. Selbst wenn Hermann Müller Heu für die Hasen der Enkel gemacht hat, steht noch ausreichend Phlox, Schafgarbe und Weidenröschen, Borretsch und Fetthenne, um den Schmetterlingsbestand der ganzen Straße satt zu machen. In dekorativ mit Dachwurz bepflanzten alten Dachziegeln leben jetzt Weiden-Blattschneiderbienen – als sie ihre Niströhren anlegten, haben die Weibchen, wie der Name sagt, Blattstücke eingeflogen. „Da ging’s zu wie auf dem Flughafen“, sagt Hermann Müller, der an diesem Spektakel seine helle Freude hatte.

Sein ganz besonderer Liebling ist freilich die Blaue Holzbiene. Seine Frau hat mal ein schlafendes Exemplar auf einer Bartblume fotografiert, in Bewegung ist das quirlige Wesen sehr schwer mit der Kamera einzufangen, aber es zu sehen und zu wissen, dass es hier Lebensraum gefunden hat, das ist für das Ehepaar ein Geschenk.

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