Gerabronn Wasser in Flaschen ist der Renner

Ein solcher Vorrat an stillem Wasser findet sich in vielen Gerabronner Haushalten.
Ein solcher Vorrat an stillem Wasser findet sich in vielen Gerabronner Haushalten. © Foto: Erwin Zoll
Gerabronn / Erwin Zoll 06.07.2018
Seit inzwischen zwölf Tagen muss das Trinkwasser in Gerabronn und benachbarten Orten abgekocht  werden. Daran wird sich mit Sicherheit vor Ende der kommenden Woche nichts ändern.

Bei allem Ärger, den die coliformen Bakterien im Wasser auslösen, gibt es auch eine gute Nachricht: Die Zahl der Durchfallerkrankungen hat in Gerabronn nicht zugenommen. Das haben die beiden in der Stadt praktizierenden Ärzte, Dr. Ernst Heimberger und Dr. Peter Franz, auf Anfrage unserer Zeitung bestätigt.

Bis das Leitungswasser wieder frisch aus der Leitung getrunken werden kann, dauert es noch. Mit Sicherheit wird das Abkochgebot nicht vor Ende der nächsten Woche aufgehoben. Als Ausgangspunkt der Verkeimung hat die Hohenloher Wasserversorgungsgruppe den Gerabronner Wasserturm und den Hochbehälter unmittelbar daneben ausgemacht. Die beiden, jeweils 400 Kubikmeter fassenden Kammern des Hochbehälters sind inzwischen gereinigt und desinfiziert worden. Die Untersuchung des Wassers im Netz, das nach wie vor mit Chlor versetzt wird, hat keine Beanstandung ergeben – ausgenommen eine Probe in Dünsbach.

Wasserturm wird gereinigt

Am kommenden Dienstag beginnt die HWG, die die technische Betriebsführung der Nordost-Wasserversorgung übertragen hat, mit der Reinigung und Desinfektion der Kammer im Wasserturm, der 1946 errichtet und 1978 saniert wurde.

Das Leitungswasser ist bereits zum zweiten Mal ungenießbar. Im Juni hatte das Gesundheitsamt schon einmal wegen coliformer Bakterien ein Abkochverbot verhängt, das zwölf Tage lang galt. Damals ging es allerdings nur um einen Teil des Hauptorts Gera­bronn und um Rechenhausen, die vom Wasserturm aus versorgt werden. Dann hat sich die Verkeimung jedoch auf den Hochbehälter ausgebreitet, aus dem Verbraucher von Raboldshausen bis Dünsbach mit Wasser beliefert werden. Rund 3900 Einwohner leben in diesem Gebiet.

Das verschmutzte Trinkwasser hat ganz erhebliche Folgen. Schwer getroffen hat es die Gera­bronner Zahnärzte. Dr. Elke Michl hat ihre Praxis während des ersten Abkochgebots drei Tage lang geschlossen und dann in ihre Wasserfilteranlage keimdichte Filter einbauen lassen. Dr. Jörg Jäkel und Dr. Anke Jäkel haben zwei Behandlungsplätze stillgelegt und behandelt nur noch an zwei Plätzen, die mit eigenen Wassertanks ausgestattet sind. Die beiden Zahnmediziner können also nur noch halb so viele Patienten wie sonst behandeln.

Von einem „erheblichen Mehraufwand“ berichtet Dieter Reipert, der Leiter des Azurit-Seniorenzentrums. Dort werden für die 78 Heimbewohner nicht nur große Mengen Wasser für die Zubereitung von Getränken abgekocht. In jedem Zimmer wird außerdem Wasser in Flaschen für die Zahn- und Gebisspflege bereitgestellt, und die Pflegekräfte achten darauf, dass sich kein Bewohner die Zähne mit Leitungswasser putzt.

Statt Leitungswasser verwenden viele Verbraucher Wasser in Flaschen. Dessen Absatz ist sprunghaft gestiegen. Der Penny-Markt setzt zur Zeit 30 statt drei Paletten Wasser pro Woche ab, im Edeka-Markt sind es sogar elf statt ein bis zwei. Ältere, wenig mobile Menschen stoßen beim Transport dieses sauberen Wassers schnell an ihre Grenzen.

„Wir haben mehr Arbeit, aber wir haben die Lage im Griff“, sagt Metzgermeister Otto Spriegel auf Anfrage unserer Zeitung. In seinem Betrieb werden täglich mindestens 30 Liter Wasser abgekocht und im Kühlraum gekühlt. Damit werden die Kaffeemaschine befühlt und der Salat gewaschen. Das Eis für die Wurstproduktion stellt kein Problem dar, denn das bezieht Spriegel aus Heilbronn.

Seine Kühlkammer setzt auch Peter Protzer von der Pizzeria Romana ein. Rund 100 Liter abgekochtes Wasser werden in dem Gasthaus täglich benötigt. Pech hatten die Wirtsleute allerdings, als das zweite Abkochverbot erlassen wurde: Sie wurden wie ein Privathaushalt mit einem Handzettel informiert, den sie jedoch erst gegen Abend im Briefkasten gefunden haben. Zu diesem Zeitpunkt waren jedoch die Speisen für den folgenden Tag bereits vorbereitet – alles landete im Mülleimer.

Bei offenen Wunden ist Vorsicht geboten

Als coliforme Keime wird eine Vielzahl von Bakterien bezeichnet, die nicht nur aus dem Darm stammen, sondern auch in der Umwelt vorkommen können. Um welche Keime es sich in Gerabronn handelt, ist nicht bekannt, doch sind die gefährlichen Bakterien Escherichia coli und Enterokokken ausgeschlossen. Das Abkochgebot besagt, dass das Leitungswasser vor seiner Verwendung mindestens sechs Minuten lang sprudelnd kochen muss. Zum Duschen und Baden kann es direkt aus der Leitung verwendet werden, nicht aber zum Zähneputzen. Unbedenklich ist laut Gesundheitsamt die Verwendung von Nutzpflanzen, die mit Leitungswasser gegossen wurden – „im Rahmen der weiteren Zubereitung zu Nahrungsmitteln“, also sofern sie gekocht werden. Bei der Frage, ob offene Wunden mit Leitungswasser in Berührung kommen dürfen, verweist das Gesundheitsamt an den behandelnden Arzt, der im Einzelfall entscheiden muss. erz

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