Schwerin, Düsseldorf und Dresden, Hamburg, Lübeck und Weimar, England, Schottland und Irland, die Schweiz und Österreich, Polen und Rumänien, dazu Abstecher nach Marokko und Island – Mathias Ziegler aus Heroldhausen bei Rot am See ist weit herumgekommen und hat in Betrieben in halb Europa gearbeitet. Dabei ist die Fortbewegung für einen Wandergesellen gar nicht so einfach: „Wir sind zu Fuß unterwegs, oder wir fahren per Anhalter“, erzählt der 26-jährige Handwerker, der nun ein „Einheimischer“ ist, wie die zurückgekehrten Wandergesellen genannt werden. Fahrten mit Bus oder mit der Bahn sind verpönt, und Ausnahmen gibt es nur für Reiseziele, die nur mit dem Schiff oder mit dem Flugzeug erreichbar sind. Neuseeland oder die USA finden sich durchaus unter den Reisezielen der zünftigen Gesellen. Der 23-jährige Sven Orthen aus Ennepetal zum Beispiel hat Brasilien, Uruguay und Argentinien bereist, und bis nach Kanada will er noch kommen. Allerdings müssen sich die Gesellen das Geld für das Ticket wie für alles andere, das sie unterwegs benötigen, auf der Wanderschaft verdienen, denn sie dürfen mit nicht mehr als fünf Euro in der Tasche losziehen.

Mit seinem Entschluss, auf die zünftige Wanderschaft zu gehen, hat sich Mathias Ziegler genauen Regeln unterworfen. Wer sich wie er einem Schacht, einer Vereinigung reisender Wandergesellen, anschließen will, muss einen Gesellenbrief haben und sich verpflichten, seinem Heimatort für drei Jahre und einen Tag nicht näher als 50 Kilometer zu kommen. Er muss unverheiratet sein und darf weder Kinder noch Schulden oder Vorstrafen haben. Und vor allem muss er sich auf der Wanderschaft so verhalten, dass er dem Ansehen der Wandergesellen nicht schadet. Diese Verhaltensregeln gelten auch für die sogenannten Freireisenden, also für Gesellen, die nicht Mitglied eines Schachts sind.

Der Fremde Freiheitsschacht, dem sich Ziegler als „Freiheitsbruder“ angeschlossen hat, hat rund 270 Mitglieder, von denen derzeit 47 auf der Walz unterwegs sind. Die Zahl der reisenden Gesellen insgesamt wird auf 400 geschätzt.

Tagesetappen von um die 30 Kilometer hat Mathias Ziegler zum Teil allein, zum Teil in Begleitung anderer Gesellen zu Fuß zurückgelegt. Häufig hat er in seinem Schlafsack unter freiem Himmel übernachtet, bei Regen oder großer Kälte auch in den Vorräumen von Bankfilialen oder in Tiefgaragen. „Da kann es schon mal vorkommen, dass man von einem Hausmeister aufgescheucht wird“, erzählt Mathias Ziegler, „dann muss man eben eine Ecke weiterziehen und abwarten, bis der Hausmeister weg ist.“ Keine Probleme hatten Ziegler und seine Begleiter in diesen Fällen mit der Polizei. „Wenn wir unsere Reisebücher gezeigt haben, dann haben die Beamten meist gewusst, mit wem sie es zu tun haben“, sagt Ziegler.

Das mit einem Passbild versehene Reisebuch ist der ständige Begleiter eines Wandergesellen. Es wird vom europäischen Dachverband der Gesellenzünfte herausgegeben und von Gesellenvereinigungen wie dem Fremden Freiheitsschacht, dem Rolandschacht oder den Freien Vogtländern ausgestellt. Betriebe, bei denen die Gesellen nach Arbeit fragen, Gemeindeverwaltungen, Behörden und Organisationen tragen sich mit einem Stempel ein und geben dem Handwerker manchmal ein paar Euro als Reisegeld mit. Besonders wichtig sind die Arbeitszeugnisse der Meister, bei denen ein Geselle gearbeitet hat. Mathias Ziegler kann auf viele lobende Einträge stolz sein. Seine zeitweisen Arbeitgeber – Schreinereien, Zimmereien, Dachdeckerbetriebe, aber auch Privatleute – bescheinigten dem Zimmermann damit im Reisebuch, dass er fleißig und pünktlich ist, dass er zupacken kann und dass er sich auch für berufsfremde Arbeiten nicht zu schade ist.

Nicht länger als drei Monate an einem Ort

Besonders gut hat es Mathias Ziegler in Irland gefallen, das von Anfang an sein Ziel war. „Die freundlichen Menschen, die herrliche Landschaft und die Kneipen, in denen die Besucher spontan Musik machen – das ist einfach großartig“, schwärmt er. In Irland wäre Ziegler gerne länger geblieben, aber auch dort gilt die Regel, dass sich kein Geselle länger als drei Monate an einem Ort aufhalten darf.

Während der Wanderschaft tragen die zünftigen Gesellen die Kluft, die traditionelle Arbeitskleidung der Zimmerleute. Sie besteht aus schwerem Baumwollstoff und wird meist nach Maß geschneidert. Über einem weißen, kragenlosen Hemd, der Staude, trägt der Geselle eine Weste und darüber eine Jacke. Die Schlaghose ist mit einem doppelten Reißverschluss versehen, die Taschen sind mit Leder verstärkt. Sehr wichtig ist der Schlips, der Ehrbarkeit genannt wird und an dessen Farbe man die Zugehörigkeit zum Schacht erkennen kann. Als ungehörig gilt es deshalb, den Schlips zu verdecken, etwa mit einem Schal oder einem Mantel. Die Kluft hat allerdings so ihre Tücken, wie Mathias Ziegler einräumt, denn sie ist für die Wanderschaft nicht in jedem Fall praktisch. „Im Winter ist es mit dieser Kleidung einfach zu kalt und im Sommer zu warm“, meint er.

Weihnachten hat Mathias Ziegler meist in Hamburg mit den Gesellen seines Schachts verbracht, die ein ausgeprägtes Gemeinschaftsleben pflegen. „Die sind für einen da und stehen zusammen“, sagt er. Während der Wanderschaft seien die Gesellen für ihn wie eine Familie gewesen. Als Ziegler kürzlich nach vier Jahren und zwei Wochen auf der Walz nach Hause zurückgekehrt ist, war dieser familiäre Zusammenhalt deutlich spürbar. 23 Gesellen und drei Gesellinnen begleiteten den Heimkehrer, 18 von ihnen waren schon in Weimar mit ihm losgezogen. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich Ziegler nach einem letzten Umtrunk vor dem Ortsschild von jedem Einzelnen mit einer Umarmung verabschiedet hatte – und dabei floss selbst bei manchem der vermeintlich hartgesottenen Gesellen die eine oder andere Träne.

Die Wandergesellen haben ihre eigene Lebensphilosophie entwickelt. In einem Lied, das die Freiheitsbrüder singen, ist sie in wenigen Zeilen zusammengefasst: „Nicht Reichtum macht glücklich, Zufriedenheit macht reich. Wir alle seins Brüder, wir alle seins gleich.“