Lähmendes Entsetzen war die Reaktion vieler Menschen nach dem geplanten Attentat eines Einzeltäters auf eine Synagoge in Halle am jüdischen Feiertag Jom Kippur, dem zwei völlig Unbeteiligte zum Opfer fielen. Entsetzen darüber, weil hier die Folgen des Antisemitismus in einer furchtbar tragischen Weise sichtbar wurden. Viele Studien belegen überdies, dass latent antisemitische Einstellungen in der deutschen Bevölkerung über die Jahre relativ konstant vertreten sind. Und es gab ja schon Monate zuvor immer wieder Angriffe, Ausgrenzungen und Beschimpfungen gegenüber Juden, vor allem in Großstädten, wo jüdische Bürger in größerer Zahl leben.

Wer kennt Juden persönlich?

Aber wer kennt in Hohenlohe schon Juden persönlich, sodass man sich ein Bild von ihnen im Alltag machen kann? Besonders bei Schülern ist ein Defizit vorhanden, das mit noch so guten Unterrichtsmaterialien wie dem Synagogen-Koffer im Religionsunterricht, Filmen und Büchern kaum wettgemacht werden kann. Zudem sind die letzten lebenden Zeitzeugen des Holocausts kaum noch sprachfähig, und die nächste jüdische Gemeinde ist fast hundert Kilometer entfernt.

„Meet a Jew“ heißt die Initiative von ursprünglich sieben Personen, die sich 2015 entschieden hatten, durch Begegnungen von Jüdinnen und Juden mit Andersgläubigen Vorurteile abzubauen. Inzwischen arbeiten dort 120 ehrenamtliche Referenten aus allen Richtungen des Judentums, vom Studenten bis zum Rentner, damit das abstrakte und von tradierten Klischees geprägte Bild ein aktuelles Gesicht bekommt.

David Holinstat, aufgewachsen in Kalifornien und wohnhaft in Herrenberg, ist ein solches Gesicht. Mit ihm gibt es am 26. Januar um 18 Uhr in der ehemaligen Synagoge Michelbach/Lücke einen Gesprächsabend. Am 27. Januar besucht er Klassen der Schlossschule Kirchberg. Der Referent ist, wie er selbst berichtet, „in einem säkularen jüdischen Elternhaus aufgewachsen. Synagogen betrat ich nur, wenn jemand in der Verwandtschaft Barmitzwa hatte. Aber meine Eltern haben ihre Religion nie verleugnet.“

„Meet a Jew“ will Antisemitismus entgegen wirken

Als Mittdreißiger begann Holinstat, sich intensiv mit dem Judentum zu beschäftigen. „Meine religiöse Heimat fand ich aber erst 2011, als sich die jüdische Gemeinde in Stuttgart stärker dem liberalen Judentum zu öffnen begann“, ergänzt er. Dort gibt es alle drei Wochen inzwischen parallel zum Gottesdienst nach orthodoxem Ritus einen Gottesdienst der liberalen Gruppe, bei dem Männer und Frauen nicht mehr streng getrennt sind.

Vielleicht liegt es am beruflichen Umfeld und der persönlichen Eloquenz Holinstats, dass er bisher persönlich nie direkt verbal beschimpft oder tätlich angegriffen wurde. Aber das verändert seinen Blickwinkel auf unsere Gesellschaft keineswegs, wenn er feststellt: „Der Antisemitismus ist eigentlich nicht unser Problem, sondern ein Problem der ganzen Gesellschaft. Wenn Juden geschmäht und geschlagen werden, dann ist dies tödlich für eine demokratische Gesellschaft. Bemerkenswert ist besonders, dass dort der Antisemitismus am größten ist, wo man keine Berührung mit Juden hat.“ Und genau dies ist der Antrieb für ihn, Präsenz zu zeigen, „denn die Wahrscheinlichkeit, im eigenen Ort einen im Alltag zu treffen, ist ja sehr gering“.

Für seine Abende bevorzugt Holinstat die Gesprächsform. Das heißt für ihn, Fragen zu sammeln und darauf zu antworten. Daraus entwickelt sich meist ein lebhafter und fruchtbarer Dialog. Man darf gespannt sein, ob dies auch in Michelbach und in Kirchberg so gut funktioniert.

Vorurteile abbauen


Es gibt rund 200 000 Juden in Deutschland, doch die wenigsten Menschen kennen einen persönlich. Ehrenamtliche Mitarbeiter der Organisation „Meet a Jew“ möchten deshalb Begegnungen zwischen jüdischen und nicht jüdischen Menschen ermöglichen. Mit „Meet a Jew“ wird es möglich, miteinander statt übereinander zu reden und Vorurteile abzubauen.