Schrozberg / Sebastian Unbehauen  Uhr
Ruhig waren die letzten fünf Jahre in Schrozberg nicht: Zwei Bürgerentscheide gab es. Dass diese keine Narben hinterlassen haben, zeigte sich beim bestens besuchten HT-Wahlforum.

Ulrich Herrschner (Freie Wählervereinigung) sitzt schon viele Jahre im Schrozberger Stadtparlament, und er hat in dieser Zeit festgestellt: „Jeder Gemeinderat hat seine eigene Atmosphäre.“ Klar, in schwachen Momenten beschleiche einen schon einmal der Gedanke, dass es ohne diesen oder jenen Kollegen leichter ginge. Aber letztlich merke man eben: „Das ist ein Querschnitt durch die Bevölkerung.“

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Dass Kommunalpolitik in Schrozberg tatsächlich eine Angelegenheit für alle ist, zeigt sich regelmäßig am guten Besuch der Sitzungen und zeigte sich am Donnerstagabend in der Stadthalle erstens am großen Publikum des HT-Wahlforums – 240 Bürger kamen –, zweitens an dessen bunter Gemischtheit und drittens an der großen Bandbreite an Kandidaten, die sich kurz – oder auch mal länger – vorstellten. „Beeindruckend“ fand HT-Redaktionsleiter Andreas Harthan, der das Forum gemeinsam mit Redakteur Harald Zigan moderierte, die Auswahl für die Wahl am 26. Mai.

Auf dem Podium saßen neben Herrschner die Kandidaten Lothar Mühlenstedt (CDU), Frank Weiß (SPD) und Susanne Martens (Wahlgemeinschaft für Jedermann) – und was von Harthan als „muntere Plauderei“ angekündigt worden war, entwickelte sich dank der Schlagfertigkeit der Bewerber auch tatsächlich zu einer solchen.

Munter und mehr

Wobei „munter“ natürlich nicht mit „substanzlos“ gleichzusetzen ist. Im Gegenteil: Es ging auch um die großen Themen, um den gesellschaftlichen Wandel, auf den eine kleine Stadt wie Schrozberg reagieren muss. Zum Beispiel im Bereich der Kinderbetreuung. Kindergarten- und Krippenplätze fehlen, kurzfristig zieht eine Regelgruppe in Räume der Schule, längerfristig müssen ein Konzept und Baumaßnahmen her.

Von einem „Luxusproblem“ sprach Weiß: „Vor ein paar Jahren wären wir glücklich gewesen, wenn wir so viele Kinder gehabt hätten. Wenn wir nicht in der Lage sind, diese Herausforderung zu stemmen, können wir einpacken.“ Jeder Euro, der in die frühkindliche Bildung fließe, komme jedenfalls fünffach zurück. Jetzt solle man sich Zeit für ein langfristig tragendes Konzept nehmen. Herrschner wies darauf hin, dass sich die Kultur einfach geändert habe. Die Kinder kämen heute früher aus dem Haus als noch vor Jahren, die Ansprüche von Familien an Betreuung hätten sich geändert. „Eine schnelle Lösung zu finden, ist da nicht einfach“, so Herrschner. Man sei von der Situation „wirklich ein bisschen überrollt worden“.

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Martens, die bisher nicht im Gremium ist, hätte sich gleichwohl eine frühere Reaktion von Verwaltung und Gemeinderat gewünscht: „Wenn man weiß, dass Kinder geboren sind, hat man schon mal zwei Jahre Puffer.“ Die Notlösung Schule sei gut. Man dürfe jetzt nichts übers Knie brechen. Die Option zentraler Großkindergarten, die in der Diskussion ist, lehnt Martens ab: „120 Kinder treffen sich nachmittags auf dem Spielplatz? Das packen die nicht.“ Mühlenstedt sprach sich dafür aus, über Container nachzudenken. „Das hört sich kalt an, ist es aber nicht“, sagte der CDU-Stadtrat. „Es gibt da ganz tolle Lösungen. Das ist auf jeden Fall eine Diskussion wert.“

Man muss sich nicht im Bereich der Prophetie bewegen, um vorauszusagen, dass es noch manche Debatte zum Thema geben wird – zum Beispiel bei der Klausurtagung des neuen Gemeinderats im August in Karlsruhe. „Im Vier- oder im Fünf-Sterne-Hotel?“, wollte Zigan da augenzwinkernd wissen. Weder noch, ver­riet ein Blick zu Bürgermeisterin Jacqueline Förderer im Publikum. Tendenz: Jugendherberge.

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Derart launig ging es häufig zu an diesem Abend. Die Stimmung in Schrozberg ist – auch nach harten Auseinandersetzungen um Freibad und Bücherei, die in zwei Bürgerentscheide mündeten – gut. Die Bürgerbegehren seien gewöhnungsbedürftig gewesen, bekannte Mühlenstedt, aber: „Im Nachhinein war’s eine gute Sache, weil es Klarheit gegeben hat.“

Zukunftsthema Wohnen

„Und das Wichtigste: Wir sind ohne Blessuren rausgegangen.“ Das sei gerade im Vergleich zu Satteldorf, wo die Steinbruch-Entscheidung bis heute spaltet, toll. Kein Widerspruch von den anderen Kandidaten. Herrschner zeigte sich „sehr stolz, dass wir in Schrozberg Demokratie gelebt haben“. Weiß hat das Bürgerbegehren zur Bücherei seinerzeit selbst mit vorangetrieben.

Nächstes Zukunftsthema: Wohnen. Und wieder ein Kulturwandel: „Was früher die Mehrgenerationenfamilie allein gelöst hat, muss in Zukunft der Staat ersetzen“, so Herrschners Analyse. Gut, dass auf dem alten Molkereiareal betreutes Wohnen möglich werden soll. „Wenn es so kommt, wie es angedacht ist, wäre es wirklich eine Bereicherung“, findet Mühlenstedt. Das Angebot des Pflegeheims werde ergänzt.

Freilich brauchen alle Generationen Raum zum Leben. „Wichtig ist, dass bezahlbare Wohnungen entstehen“, betonte Weiß. „Das haben wir durchgesetzt.“ Er sprach damit das Mehrfamilienhaus-Projekt in der Albrecht-Dürrer-Straße an. Herrschner und Mühlenstedt betonten die Wichtigkeit, Baugebiete auszuweisen – auch in den Außenorten. Martens ist es wichtig, auch Baulücken zu schließen und Leerstände zu beseitigen. „Ich weiß, das ist ein empfindliches Thema, aber man kann sicher an die Grundstücksbesitzer herantreten“, so die Kandidatin.

Auch um die Belebung des Marktplatzes ging es auf dem Podium (eine kleine Gastronomie wäre schön, so die einhellige Meinung), außerdem um die vielen großen Schrozberger Investitionen (die Stadt profitiert von sprudelnden Steuereinnahmen) und um die Rolle von Parteien im Rat. Weiß und Mühlenstedt verbaten sich die Unterstellung, CDU- oder SPD-Räte seien in ihren Entscheidungen nicht frei. Martens und Herrschner behaupteten das auch gar nicht erst. Man darf davon ausgehen, dass der nächste Gemeinderat wieder eine ganz eigene Atmosphäre haben wird – und dass es keine schlechte ist.

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